Wo der Tod wohnt

 

Das Grab Mozarts befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof. Ironisch: Es ist das meistfotografierteste Grab, aber es liegen keine Gebeine des Musikers darunter.

Die letzte Ruhestätte Mozarts befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof. Ironisch: Es ist das meistfotografierteste Grab, aber es liegen keine Gebeine des Musikers darunter.

Sachertorte, Tafelspitz, Prater oder Opernball: Neben den süßen kulinarischen Schmeckenswürdigkeiten und der Lebensfreude Wiens, gibt es auch die dunkle und morbide Seite der Stadt. Der Tod spielt hier eine große Rolle. „Das fidele Grab an der Donau“, schrieb der Schriftsteller Alfred Polgar über die Hauptstadt Österreichs. Besonders der Wiener Zentralfriedhof ist dafür eine gute Anlaufstelle. Er ist die zweitgrößte Nekropole Europas (Platz Eins belegt der Hamburger Friedhof Ohlsdorf mit 391 ha). 330.000 Gräber verteilen sich auf 250 ha – jeden Tag gibts 20 Beerdigungen, ca. 3.700 im Jahr. Kein Wunder, dass die Straße zum Friedhof von Steinmetzen, Blumenhändler und einem Würstelstand direkt vor dem Friedhof gesäumt ist. Trauern macht hungrig. Weiterlesen …
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In der Irrenanstalt

Homer Simpson geht ohne große Schicksalsängste durchs Leben. Als der Tod persönlich in Kutte verkleidet und mit Sense bewaffnet an die Tür klopft und sagt: „I am Death“, antwortet der Hausherr aus Springfield recht trocken „We don’t want any“. Nur manchmal ist es nicht schlecht, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, um das eigene Leben zu schätzen. Der Narrenturm in Wien hat mir genau das geboten.

 

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Der Narrenturm beherbergt das Pathologisch- Anatomische Bundesmuseum Österreichs. (Bildquelle: Sebastian Schinhammer)

 

Irrenanstalt in Form eines Guglhupfs

Eingeschüchtert war ich von dem Bau schon: Der rund-förmige Narrenturm im 9. Bezirk sticht heraus. Der Grundriss des 1784 gebauten Gebäudes gleicht einem Mühlrad mit einem Querbalken. Die fünf Stockwerke mit insgesamt 139 Zellen dienten früher als Irrenanstalt. Im Volksmund hieß er auch „Kaiser Josef II. Guglhupf“, wegen der offenen Form im Innern des Baukomplexes. Und dass jemand in den Guglhupf gehört ist, also jemand in die Klapse soll, ist in Österreich nach wie vor eine gebräuchliche Redewendung. Heutzutage beherbergt das Gebäude das Pathologisch- Anatomische Bundesmuseum Österreichs: 45.000 pathologischer Präparate befinden sich im Narrenturm und stellen damit die weltweit größte Sammlung seiner Art dar.

45.000 Mal leichtes Unwohlsein

Zu sehen gibt es eine Menge, was einen anderen Blickwinkel auf das Menschsein erlaubt:  Ein Panoptikum von Missbildungen, Verkrüppelungen, Krankheiten oder die Behandlungsmethoden von dubiosen Quacksalbern, die oft zu fatalen Ergebnissen führten. Anschaulich gemacht werden die Auswüchse durch dreidimensionale Wachsabdrücke, sogenannte Moulagen, die liebevoll von eigens dafür angestellten Pathologen angemalt wurden. Hautkrankheiten wirken beispielsweise sehr realistisch, so befleckt, bepustelt, besprenkelt, wie sie gezeigt wurden. Nix für Hypochonder. Echt dagegen waren in Formaldehyd eingelegte Lungen, die mit Tuberkulose infiziert waren. Bei der Suche nach einem Gegenmittel war man in früheren Zeiten wenig zimperlich. So füllten die Ärzte Wachs oder Amalgam in die angegriffene Lunge – gut sichtbar in einem Einweckglas erhalten. Ich bin bei der Vorstellung des Ganzen weiß angelaufen. Vielleicht war es auch der Reiz des Horrors, der mich in den Narrentum trieb – eine Art Geisterbahn des Lebens der organischen Existenz. In den Hauptrollen: wucherndes, fressendes, faulendes Gewebe in Weingeist, groteske Geschwülste, Lupus, Beulenpest, lepröse Nekrosen oder Karzinome – alles Dinge, die im wahrsten Sinne des Wortes durch Mark und Bein gehen.

Zu wenig Sonne bringt Kummer und Sorgen

Betroffen war ich auch bei einem Skelett, das wohl einem siebenjährigen Mädchen gehören musste. Wie sich herausstellte, war die Dame schon 19 Jahre alt und starb an der Englischen Krankheit (Rachitis). Grund: Der Körper der Frau bekam zuwenig Sonnenlicht ab und konnte das notwendige Vitamin D nicht produzieren, um größere Knochen auszubilden. Besonders in England trat die Krankheit auf, weil die Fabriken dort im 19. Jahrhundert die Luft so stark verschmutzten, dass die Sonne nicht mehr durchkam. Aber nicht nur die Armen waren betroffen, sondern auch die englische Oberschicht. Die verglasten Wintergärten ihrer Lordschaft ließen auch zu wenig UV-Licht durch.

In dem Beitrag von 3sat bekommt man einen interessanten Einblick in das Museum:

Wut auf die Visage

Der Museumführer, ein Medizinstudent, hatte ein kleines Rätsel parat: Er deutete auf einen Schädel mit vielen Einschlaglöchern am Kopf und im Gesicht. Was ist passiert? Es stellte sich heraus, dass sich zwei Wanderer bei einer Bergwanderung in die Haare bekommen haben. Der Täter schlug dem Opfer mit einem Eispickel auf den Kopf ein und zertrümmerte auch die Visage. Der Mediziner sagte in einem weichen Wienerisch ganz ungerührt, wenn Menschen sich nahe stehen, würde sehr oft auch das Gesicht stark in Mitleidenschaft gezogen. Denn mit dem Gesicht verbinde man viele Emotionen. Ein Auftragskiller dagegen gibt zwei Schüsse ab und verschwindet. Ein Kieselstein für meine Karriere als CSI-Profiler ist gelegt.

Medizinischer Beistand

Der Museumsbesuch hatte es in sich: der Tod, die Krankheiten, die Abnormitäten lassen das Leben zwar nicht in einem anderen Licht erscheinen, regen aber zum Nachdenken an: Wie haben wohl Menschen unter bestimmten Krankheiten gelitten? Welch Glück man hat, dass einem nichts fehlt! Welche großen Fortschritte die Medizin in den vergangenen Jahrhunderten gemacht hat! Und die banale Erkenntnis, dass man aus Haut und Knochen besteht – mit all den möglichen Mutationen, die die Natur bereithält. Ein Vergleich mit Gunther Hagens vieldiskutierten „Körperwelten“ fällt nicht schwer: Dort wird der Körper als lebendes Kunstwerk verstanden, im Narrenturm ist der Körper vielmehr ein Quasimodo – dem der Tod längst auf den Fersen ist. In Zeiten von „Bodyshaping“ und ich-optimiere-mich-bis-zum-Umfallen ist das ein beruhigender Gedanke – die absolute Kontrolle über den eigenen Körper wird es niemals geben. Dafür hat die Natur immer noch viele Krankheiten und Missbildungen in petto, wie AIDS oder die seltene Meerjungfrauenkrankheit. Eine Besonderheit zum Schluss: Es war meine erste Museumsführung, für die extra eine Medizinerin abgestellt worden war. Ihr Job war es, die Besucher zu betreuen, falls sie das Gesehene nicht gut verdauen.