Viel sagen ohne Worte (Ida, Polen 2013)

 

©Opus Film

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Die Wahrheit kann einen Menschen befreien oder zusammenbrechen lassen. Bei Anna ist das anders. Sie sitzt da, das schöne Gesicht ohne große Gefühlsregung und ihre großen dunklen Augen blicken offen, als ihre Tante Annas Leben in 1960er Jahren auf den Kopf stellt: Sie, die junge Frau, stamme aus einer jüdischen Familie. Die Eltern sind während des zweiten Weltkriegs umgekommen. Es ist deswegen so ungewöhnlich, weil Anna als Waisenkind in einem katholischen Konvent aufgewachsen ist und nun in wenigen Tagen ihr Gelöbnis als Nonne ablegen soll. Ihre Tante hatte sich um das Mädchen nicht groß gekümmert. Sie hatte einen Job als harte Richterin, bekannt auch als die rote Wanda, raucht, sauft und ist promiskuitiv. Die tugendhafte Anna wünscht sich nun von ihrer Tante die Gräber ihrer Eltern zu sehen. Gemeinsam reist das ungleiche Paar in die polnische Provinz – auf den Spuren der Vergangenheit. Weiterlesen …

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Ein Land in Trauer

 Einmal durch Polens Seelenleben: Das Münchner Filmfest zeigte mit dem Film „Field of Dogs“ von Regisseur Lech Majeweski in schönen surrealen Bildern den Zustand unserer östlichen Nachbarn.

Field of Dogs bedient sich ausgeprägter BIldmethaphern. (Bildquelle: © 2000-2014 Internationale Münchner Filmwochen GmbH)

Field of Dogs bedient sich ausgeprägter BIldmethaphern. (Bildquelle: © 2000-2014 Internationale Münchner Filmwochen GmbH)

Osteuropa birgt viele unentdeckte filmische Schätze, die gehoben werden sollten. Diesen Vorsatz verfolgt die Kuratorin des Münchner Filmfests, Diana Iljine, in diesem Jahr ganz besonders. Ein besonderes Schmuckstück in der diesjährigen Auswahl ist Lech Majeweskis „Field of Dogs“ aus Polen. Die Hauptfigur Adam arbeitet in einem Supermarkt an der Kasse und leidet unter Narkolepsie. Er taucht immer wieder in Traumwelten auf der Suche nach seiner Frau und seiner Tochter ein. Beide hat Adam bei einem Autounfall verloren, den er jedoch überlebt hat. Für sein Leid und die Ungerechtigkeit, die er erfahren hat, sucht er Antworten. Unter anderem bei der Kirche, die ihn lediglich mit der Theodizee-Diskussion abspeist. Trost findet Adam in der Renaissance: In Dantes Inferno wird die unerreichbare Liebe im Diesseits schließlich im Jenseits gefunden.

Mit dem Pflug durch den Supermarkt

Majeweski spinnt in seinen Bilderreigen über Verlust und Trauer zahlreiche Symbole, Zeichen und Verweise auf Kunstgeschichte, Literatur, Philosophie sowie Leben und Tod ein. Adam sieht beispielsweise eine Prostituierte, die sich mit einem Freier in einer Gruft vergnügt. Später wird sie eine weiße Taube zur Welt bringen. „Tauben Anweisungen zu geben, sei besonders schwer gewesen“, schmunzelte der Regisseur auf dem Filmfest, der unter anderem am filmischen Künstlerporträt von Basquiat(USA 1996) beteiligt war. Während  seine Andeutungen beizeiten recht subtil sind, packt er seine Konsumkritik in unverhohlene Bilder. In einer weiteren Traumsequenz durchpflügt Adams Vater buchstäblich mit einem Fuhrwerk zwischen Kühltruhen und Gurkengläsern den Boden des Supermarktes, in dem Adam arbeitet: Fruchtbare Schwarzerde kommt zum Vorschein. Eine Anspielung auf den rasanten wirtschaftlichen Aufschwung, den Polen in den vergangenen Jahren genommen hat – wohl nicht immer zum Besten. Dem Regisseur gelingen zum Teil sehr eindrückliche Bilder, um seine Gedanken dem Zuschauer näher zu bringen. Allerdings bin ich skeptisch, ob ich all die Andeutungen verstanden habe: Majeweski setzt einiges an Hintergrundwissen voraus, um über das aktuelle Polen zu erzählen – ein fordernder Film.

Der Supermarkt als Hort des Unterbewusstseins: Adam trifft auf bereits verstorbene Bekannte. (Bildquelle: © 2000-2014 Internationale Münchner Filmwochen GmbH)

Der Supermarkt als Hort des Unterbewusstseins: Adam trifft auf bereits verstorbene Bekannte. (Bildquelle: © 2000-2014 Internationale Münchner Filmwochen GmbH)

Flugzeugabsturz von Smolensk

Auf einer zweiten Ebene von „Field of Dogs“ kommt Adam mit der jüngsten polnischen Geschichte in Berührung. Die persönliche Erfahrung des Protagonisten dient dabei als Parallele für die Gesellschaft unserer östlichen Nachbarn. Die schweren Überschwemmungen in Ostpolen werden immer wieder in Radio und Fernsehen ins Bewusstsein gebracht. Eine Frau sagt im TV: „Wo ist Gott? Die Menschen haben versagt, einzig er kann noch helfen.“ Das Nichtverstehen können und das schmerzvolle Warum prägen die Geschichte von „Field of Dogs“. Adam, respektive das Volk, weiß nicht, wie er/sie mit seiner/ihrer Fassungslosigkeit über die menschlichen Verluste umgehen sollen. Dasselbe Schema  auch gilt für die Flugzeugkatastrophe von Smolensk im Jahr 2010, bei der 96 hochrangige Vertreter des Staates ums Leben kamen, darunter auch Staatspräsident Lech Kaczyński, Regierungsmitglieder, Offiziere und Kirchenvertreter. „Dieser Vorfall spaltet die Polen bis heute“, sagt Regisseur Lech Majeweski. „Viele sprechen von einer Verschwörung, die zum Absturz geführt hat.“ Majeweskis Blick auf sein Land, das sich seit jeher in der Opferrolle wiederfindet, ist schmerzhaft und ein wenig wehmütig geraten, als wäre mit dem Absturz auch der Glanz und die Eleganz Polens verloren gegangen: Im Film sieht Adam die verstorbenen Flugzeugpassagiere, die Intelligenzija des Landes,  an der Absturzstelle einen Totenschieber tanzen. Trotz der Trauer keimt am Schluss des Films die Hoffnung nach einem Ausweg auf – für Adam und die polnische Gesellschaft.

Surreale Szenerie an der Absturzstelle des Präsidentenflugzeugs (Bildquelle: © 2000-2014 Internationale Münchner Filmwochen GmbH)

Surreale Szenerie an der Absturzstelle des Präsidentenflugzeugs (Bildquelle: © 2000-2014 Internationale Münchner Filmwochen GmbH)

Fazit: „Field of Dogs“ ist ein Kunstwerk – eine Fusion aus Literatur, Kunst und Film, die mich stark die Werke von Peter Greenaway erinnert hat. Wer sich darauf einlässt und das nötige Hintergrundwissen besitzt, kann eine spannende Reise in die Seele Polens erleben. 3,5 von 5 Sternen.