Kaffeetrinken mit Amelie Poulian (Buchrezension: Anette Krischer – Paris)

Paris SchürenNein, kein Schwank aus, sondern ein „Schwelg“ in meine Jugend: Vor gut zwölf Jahren besuchte ich eine Freundin in Paris, die dort ein Auslandsjahr absolvierte. Da wir beide die großen Sehenswürdigkeiten der Stadt schon kannten, entschlossen wir uns eine andere Art der Städtetour zu machen: Und zwar wandelten wir auf den Spuren von Amelie Poulain, der Hauptfigur aus dem Meisterwerk Die fabelhafte Welt der Amelie, das vorwiegend in der französischen Hauptstadt spielt. Meine Begleitung kannte sich aus und fand sehr viele Orte, die im Film gezeigt wurden. Wir gingen unter anderem zur Sacre Coeur, zum Gare du Nord oder die Rue Mouffetard entlang. Eine wesentliche Sehenswürdigkeit war natürlich auch das „Cafe des 2 Moulins“, das uns ein wenig enttäuscht hat. Auf Zelluloid sieht es anders aus als in der Realität, z.B. gibt es den Tabakstand von Georgette dort gar nicht. Als wir uns auf den Stufen der Sacre Coeur über den Film und unsere Tour unterhielten, kam uns die Idee, dass man doch sicherlich darüber ein Buch machen könnte. Wieviele Paris-Touristen haben wohl genau dasselbe Interesse auf den Spuren dieser Geschichte von Amelie zu wandeln? Doch wie so oft verblieb die Idee nur für einen Nachmittag.

Wohnst du schon oder bist du wer?

2015: Beim Stöbern im Internet stieß ich auf ein Buch, das unsere damalige Idee fast umgesetzt hat. Und zwar schrieb die Autorin Anette Krischer einen Reiseführer zu den Orten des Kinos in Paris – mit einem kleinen Makel: Sie beschränkt sich auf die Cafes, Restaurants und Hotels der Stadt als Filmkulisse. Einerseits ist die Herangehensweise völlig verständlich – sonst könnte man das Buch kaum heben. Denn ein Großteil der französischen Filme ist in Paris gedreht worden – all die Orte zu beschreiben und dokumentieren wäre selbst für die größten Enthusiasten eine langweilige Angelegenheit. Wie viele Szenen spielen allein vor dem Eiffelturm? Wahrscheinlich tausende. Andererseits wäre es für das Buch schön gewesen zumindest von bestimmten Filmen eine kleine Tour anzubieten, bei denen man die Szenen von Amelie oder Midnight in Paris nachspüren kann. Nichtsdestotrotz wird dem Filmfan genügend geboten: In der Einführung erklärt Krischer die Bedeutung der Arrondissements für Paris. Die einzelnen Bezirke der Stadt spiegeln in Filmen oft den jeweiligen sozialen Status einer Person wider, die dort verkehrt. Steigt eine Figur in die Metro im 7. Arrondissement ein, gilt sie als gut situiert. Wenn die selbe Szene im 18. spielt, wäre die Person als armer Hund abgestempelt. Codes, die dem französischen Zuschauer oder Paris-Liebhaber natürlich bekannt sind, dem deutschen aber nicht unbedingt geläufig sind. Im Buch heißt es: Die französische Gesellschaft, und also auch die im Film dargestellten sozialen Beziehungen seien nach wie vor durch ein verankertes Standesbewusstsein geprägt.

Bonjour Paris

Das Buch ist in 20 Kapitel unterteilt, gemäß den 20 Arrondissements von Paris. Nach einer kurzen Beschreibung des Bezirks gehts los: Ein Bild eines Cafes, Hotels oder Restaurants samt aktueller Adresse. Darunter befinden sich die Szenen aus den Filmen, die genau dort spielen, inklusive einer kurzen Beschreibung, was sich in diesem Moment dort abspielt. Gut 100 Filme werden auf diese Weise beschrieben, hauptsächlich französische Produktionen (unter anderem La BoumDie letzte Metro, La vie en rose  oder Ziemlich beste Freunde) – alte wie neue Streifen. Wer das Kino unserer Nachbarn mit Michel Piccoli, Gerhard Depardieu oder Catherine Deneuve schätzt, wird seine helle Freude haben, die Originalschauplätze vor Ort zu besuchen. Wer würde nicht im Hotel les Rives de Notre Dame nächtigen wollen, in dem Jean Seberg mit Jean Pierre Belmondo in Godards Außer Atem ein heißes Techtelmechtel hatte? Aber auch eine nicht zu unterschätzende Zahl amerikanischer Filme hat Eingang in den Filmreiseführer gefunden (unter anderem Charade, Frantic oder Inception). Interessante Nebeninformation: Die Liebe der Amerikaner für Paris begründete der Film Funny Face (1957) mit Audrey Hepburn, der leider im Buch nicht vorkommt. Die Stadt der Liebe und der Lebensfreude wurde nun auch für John Doe aus Iowa ein Begriff, siehe Clip:

Fazit: Für Cineasten, die französische Filme lieben, ist das Buch von Anette Krischer ein echter Zugewinn. Für mich bleibt ein kleiner Wermutstropfen: Es gibt leider keine Amelie-Tour. Dennoch hab ich wieder Lust bekommen nach Paris zu fahren. 4 von 5 Sternen.

 

Autor: Annette Krischer
Verlag: Schüren Verlag, März 2015
ISBN: 978-3-89472-885-4
Umfang: 224 Seiten
Preis: 14,90 Euro

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