Der amerikanische Cousin von Amelie (The Young and Prodigious T.S. Spivet, Frankreich 2013)

©Epithète Films

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Regisseur Jean Pierre Jeunet hat es in seinem Metier nicht  leicht: alle seine Filme müssen sich an seinem Klassiker Die fabelhafte Welt der Amelie messen. Eine Hürde, die er mit all seinen nachfolgenden Filmen (Mathilde, Micmacs) nie erreicht hat. Mit The Young and Prodigious T.S. Spivet (zu deutsch: die Karte meiner Träume) nähert er sich am meisten an seinen Welterfolg aus dem Jahr 2001 an. Denn: Er verwendet eine ähnliche Mischung an Charakteren, Schrulligkeiten, Details und Farben, wie in Amelie – nur das Setting ist anders. Statt in Paris, startet die Geschichte in US-Bundesstaat Montana, also am Arsch der Welt.

Eine schrecklich schrullige Familie

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Und dieser Arsch bietet allerhand Platz für Schrulligkeiten und besondere Charaktere: Familie Spivet, die in einer rot angestrichenen Farmhaus mit weißer Veranda im nirgendwo lebt ist dafür das beste Beispiel. Die Mutter ist eine zerstreute Insektenforscherin, die Tag und Nacht über ihren aufgespießten Schmetterlingen und Käfern brütet. Sie streitet mit ihrem Mann, einem wortkargen und einsamen Cowboy, wenn die Ziegen ihre mühsam kultivierten Forschungsobjekte fressen. Ein Wunder, wie die beiden Eigenbrötler überhaupt zueinander gefunden haben. Die Tochter des Hauses ist unglücklich: Ihr in der Pubertät gefangenes Dasein will hinaus in die weite Welt und berühmt werden. Sie träumt vom Gewinn der Miss America-Krone. Und ihr zehnjähriger Bruder T.S. ist ein Wissenschafts-Genie, der seine Lehrer mit seinem Wissen zur Weißglut bringt. Er macht regelmäßig Erfindungen und gewinnt für den bedeutenden Baird-Preis am Smithsonian Institut in Washington, für ein funktionierendes Perpetuum mobile. Dafür muss er alleine nach Washington reisen, denn eigentlich nimmt ihn in seiner Familie niemand ernst. Die Schwester hält ihn bescheuert, die Mutter ist zu zerstreut und der Vater trauert dem verstorbenen Bruder T.S. namens Layton nach, der ebenfalls aus Cowboy-Holz geschnitzt war. Mit einem Leiterwagen, einem Koffer und viel Zuversicht macht sich T.S. auf den Weg durch Amerika in die Hauptstadt der USA.

Der Umgang mit Hochbegabung

Auf seiner Reise macht T.S. Bekanntschaft mit unterschiedlichsten Leuten, die ihm die eine oder andere kleine Geschichte mit auf den Weg geben. Der Schienenweichensteller Two Clouds erzählt ihm, wie die Nadelbäume auch im Winter grün bleiben. Dieser kleine Troll wird von Dominique Pinon verkörpert, der in bislang allen Filmen von Jeunet einen Auftritt hat. Der Regisseur sagt selbst, dass seinen Filme ohne Pinon etwas fehlen würde. Kyle Catlett, der die Hauptfigur T.S. spielt, ist nicht nur im Film ein Genie, sondern auch in der Realität: Er spricht sieben Sprachen – was auch in einer Fimszene hilfreich ist. Um einen Polizisten zu verwirren, spricht auf einmal fließend russisch. Aber T.S. trifft viele bornierte Erwachsene, die sein Genie ausnutzen, ihn dafür verachten oder ihn als gute Story vermarkten wollen. Er kann sich ihrer Angriffe nur mit Mühe erwehren. Jeunet nähert sich diesem Problem auf spielerische Art.

Die kleinen Details entscheiden

Bei Amelie stachen die kleinen Marotten der Figuren heraus, die ihnen eine besondere Liebenswürdigkeit verlieh. T.S. trampt bei einem Lkw mit. Der Fahrer macht ein Bild von seinem Passagier zu Anfang der Reise und beim Aussteigen. In der Regel würden seine Fahrgäste nach der Fahrt besser gelaunt sein, sagt er. Oder der Vater von T.S. hat ein kleines Cowboy-Museum in seinem Zimmer und lässt sich abends von seinem Hund bei einem Glas Whiskey die Füße lecken. Jeunet präsentiert wieder mal zahlreiche Details, unnützes Wissen en masse, die die Geschichte in keinster Weise voranbringen, aber dennoch zum Schmunzeln verleiten. Die Bilder, die der Regisseur seinen Zuschauern bietet, sind sehr schön komponiert – die Kameraarbeit ist herrlich. Auch Farben des Films sind in typischer Jeunet-Manier sehr kräftig und strahlen diese Magie aus, bei der einem das Leben als leuchtend roter Apfel erscheint, in den man sofort reinbeißen will. Der kindliche Charme, die Welt aus dem Blickwinkel eines 10-Jährigen zu betrachten, kommt voll und ganz zum Tragen. Und doch: Mich hat die Reise von T.S. Spivet nicht vollkommen gepackt – vielleicht, weil manche Szene ein bisschen zu gewollt wirkt. Oder er ist an den meinen hohen Erwartungen gescheitert, die ich an den Film hatte. Als ich damals Amelie im Kino gesehen hatte, pfiff ich völlig glücksbeschwipst die Musik auf dem Nachhauseweg. Bei T.S. Spivet war das einfach nicht der Fall. So ist er leider nur der amerikanische Cousin von Amelie.

Fazit: The Young and Prodigious T.S. Spivet ist ein sehr schöner Film, der leider an sein großes Vorbild Amelie nicht ganz rankommt. 3,5 von 5 Sternen

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4 Gedanken zu “Der amerikanische Cousin von Amelie (The Young and Prodigious T.S. Spivet, Frankreich 2013)

  1. Ging mir ähnlich wie dir – mich konnte der Film auch nicht so richtig abholen. Mal abgesehen davon, dass sich der Film anfangs mehrfach stark selber wiederholt, hatte ich das Gefühl, dass Jeunet zu stark an Amelie anknüpfen will. Was verrückt ist. ich habe noch im Vorfeld geschimpft, dass soviele Kinoplakate damit werben, dass der Film „vom regiesseur von die fabelhafte Welt der Amelie“ ist und fand das ziemlich borniert … aber der Film selber hat mir den Wind aus den Segeln genommen.

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    • Ja, ich glaube Jeunet wollte unbedingt wieder an Amelie anknüpfen. So ist es ein bisschen auch Wein in alten Schläuchen. In einem Interview sagte Jeunet, dass der Film in Frankreich nur halb so erfolgreich war, wie die Marketing-Prognosen gerechnet hatten. Er machte das daran fest, dass die Franzosen Amerika eher ablehnend gegenüber steht, sprich dort spielt die natürlich die Geschichte von T.S. Vielleicht funktioniert diese Art von Charme wirklich nur in Paris – einfach, weil man mit dieser Stadt diesen besonderen Zauber und dieses Träumerische verbindet. Dazu hatte Amelie eine Liebesgeschichte, die dieses Gefühl perfekt kanalisiert. Washington ist nicht die Stadt der Liebe – eher die Stadt der Blender, wie wir spätestens seit Frank Underwood aus House of Cards wissen! 😉

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  2. Ah, da hast du den Film ähnlich empfunden wie ich: bei mir hat er auch nicht richtig gezündet. Tolle Bilder, schräge Charaktere (ich will aber Helena Bonham Carter mal in einer totalen Normalo-Rolle sehen – sie spielt doch immer nur sich selbst?! ;)), gute Leistung des Jungschauspielers, aber ich hatte danach nicht mal das Bedürfnis, eine Kritik zu schreiben irgendwie…

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    • Ja vielleicht ist das ja für Helena Bonham Carter das Normale – wenn man mit Tim Burton verheiratet ist! 😉 Ja, der Film ist wirklich sehr nett anzuschauen, aber irgendwas fehlt – er hat halt nicht ganz die Leichtigkeit von Amelie. Vermutlich weil der Tod von T.S. Bruder ein bisschen in der Luft schwebt. Und die Elternbeziehung etwas seltsam wirkt. Aber gut. Hätte trotzdem gerne von dir ein Kritik gelesen!

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