Augen auf und durch (Lucy, Frankreich 2014)

©Canal+

 

Es gibt Filme, denen eine ausgefuchste Geschichte und ausgefeilte Charaktere zu Grunde liegt. Und es gibt Filme, die die beiden Punkte einfach ignorieren. Lucy gehört eindeutig in die letztere Kategorie. Die Idee des Films klingt nach einem kleinen Gedankenspiel, das Regisseur und Autor Luc Besson beim Warten auf die Pariser Metro hatte: Die Menschen nutzen nur zehn Prozent ihres geistigen Potenzials aus, sagt die Wissenschaft. Was wäre, wenn man die volle Kapazität seiner Hirnwindungen nutzen könnte? 

 

Bewusstsseins-Erweiterung

Möglich wird das durch eine neue Wunderdroge namens C.H.P.4. Lucy (Scarlett Johannson), ein normales Mädchen, kommt auf ihrem Asien-Trip durch Zufall in die Geiselhaft eines koreanischen Drogenboss. Er bestimmt, dass sie diese neuartige Droge nach Europa schmuggeln soll. Dazu wird ihr Bauch aufgeschnitten und ein kleines Päckchen voller kleiner blauer Pillen darin verwahrt. Bei einer Folteraktion öffnet sich das Päckchen und Lucys Körper wird von der Droge übermannt. Ihr Hirn fängt an, alle zwei Stunden zehn Prozent mehr Hirnkapazität aufzubauen. In der ersten Stufe verfügt sie über die volle Kontrolle ihrer Extremitäten, was einige koreanische Gangsterschergen schnell zu spüren bekommen. Sie nimmt  die Welt anders wahr, verarbeitet in rasender Geschwindigkeit jegliches Wissen des Universums und kann elektronische Geräte kontrollieren. In der nächsten Stufe hat sie telepathische Fähigkeiten usw. Sie fliegt nach Paris, um den bedeutendsten Hirnforscher (Morgan Freeman) zu treffen und ihm ihre Erkenntnisse über die Welt mitzuteilen. Denn: Innerhalb von 24 Stunden wird sie die 100 Prozent Hirnkapazität erreichen und wer weiß, was dann passiert. Der koreanische Mob will ihren Plan durchkreuzen und es beginnt eine muntere Hatz durch die französische Capitale.

Schauwerte statt Substanz

Geradelinig, das ist das Wort, was den Film für mich charakterisiert. Luc Besson zieht seine Idee in knapp 90 Minuten gnadenlos durch, die mit einem netten Clou am Schluss aufwartet. Aber die hohe Schlagzahl des Films hinterlässt auch riesige Logik-Schlaglöcher. Platz für Interpretationen bleibt wenig, weil wenig Substanz da ist. Und die philosophischen Ergüsse im Film wirken etwas plump. Dafür protzt Lucy mit Schauwerten und was für welchen! Allein voran Scarlett Johansson, die sich von einer normalen Frau in eine eiskalte Killer- und Intelligenz-Maschine verwandelt. So gut sah sie selten aus! Scheinbar bemüht sich Frau Johansson gerade um solche Rollen, in denen sie über „außerirdische“ Kräfte verfügt (siehe Under the Skin oder Avengers). Beim Filmtitel dachte ich an den berühmten Beatles Song „Lucy in the sky with diamonds„: „Look for the girl with sun in her eyes and she’s gone…“ Passt perfekt für sie. Besson verzichtet natürlich nicht auf die obligatorischen Actionsequenzen, von wilden Shoot-outs bis hin zu klassischen Auto-Verfolgungsjagden. Er scheint eine besonders kindliche Freude daran haben, französische Polizeiautos zu verschrotten, was er in der Vergangenheit schon mehrmals unter Beweis gestellt hat (Taxi). Zu guter Letzt prahlt der Film mit spektakulären Verwandlungen von Lucy selbst, bzw. wie sie die Welt wahrnimmt. Von den plastisch zu sehenden Funkverbindungen über Blutbahnen im Körper, Lebensadern in Bäumen bzw. kommen die CGI-Effekte voll zur Geltung.

Fazit: Obwohl der Film einige Mängel hat, hab ich mich bestens unterhalten gefühlt. Für einen launigen Popcorn-Abend perfekt geeignet. Manchmal will ich mich auch einfach nur blenden lassen. 3,5 von 5 Sternen.

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9 Gedanken zu “Augen auf und durch (Lucy, Frankreich 2014)

  1. Restlos überzeugt hat mich der Film trotz Scarletts fantastischer Schauspielerei (und ich mag einfach Frauen, die austeilen können, egal mit wieviel Prozent Hirnkapazität 😉 ) auch nicht, vor allem zum Ende hin, das ich wirklich ganz und gar nicht mochte. Es hat aber, u.a. wegen toller Bild-/Musikkompositionen für 7 Punkte gereicht: https://singendelehrerin.wordpress.com/2014/08/16/lucy-luc-besson-frankreich-2014/

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    • Die Bilder mochte ich auch….die transformierenden Computer, die Auflösungserscheinungen von Lucy…das sind die Pluspunkte des Films. Und stimmte: die Szene mit dem Requiem von Mozart, wie du sie in deiner Kritik beschreibst, war auch ganz toll gemacht. In meinen Olymp schafft es der Film natürlich nicht, aber für einen netten Abend ist er gut genug.

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  2. Bei dem Film scheint es auch nur die „Entweder oder“ Haltung zu geben. Ich saß gespannt im Kino, da der Trailer durchaus Lust auf mehr machte, und dann kommt… naja, das bei raus. Konnte ich leider nichts mit anfangen und fand es schade, wie die Darsteller hier verheizt wurden. Aber Scarlett Johansson dürfte gerne noch öfters in solche Rollen schlüpfen. Dann aber bitte mit interessanterem Drehbuch.

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    • Ja, man darf nichts erwarten und muss über einige Sachen hinwegsehen…das ist klar. Ja, Frau Johansson gefällt mir auch in solch einer Rolle sehr sehr gut. Nachschub soll ja bald mit Ghost in a Shell kommen.

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  3. Ich war von dem Film genervt, war irgendwie zu viel von allem und was die Action angeht, überengagiert. Ich hab ihn allerdings auch im Kino angeschaut. Also spielt wahrscheinlich auch die Trauer ums Geld mit rein. 😉

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    • Ja, ich kann das gut verstehen. Mich hat der Film im richtigen Moment erwischt. Hätte ich den Film im Kino gesehen, wäre ich mich auch ärgern. Aber daheim vor der Glotze, hatte ich ne Menge Spaß.

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  4. Johansson scheint sich zuletzt stets zu transzendieren: In „Under the Skin“ streift sie als Alien am Ende ihre menschliche Hülle ab, in „Lucy“ entmaterialisiert sie sich zur Meta-Maschine und das kann wiederum fast schon als Überleitung zu „Her“ betrachtet werden, wo sie gleich nur per Stimme als Operating-System agiert. Wo wir beim Thema sind: „Ghost in the Shell“ steht ja als nächstes an…

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    • Stimmt, an „Her“ hab ich gar nicht gedacht. Ah, und Ghost in a Shell passt natürlich hervorragend zu den anderen Rollen. Ist mal eine ganz eigene Schiene, auf sie sich „festlegt“. Oder: Vielleicht ist Scarlett Johansson gar nicht von dieser Welt!? 😉

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