Wo die Neurosen blühen (Map to the stars, USA 2014)

©Prospero Pictures

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Das Wort Traumfabrik muss sich auf der Zunge zergehen lassen. Der Ort, an dem Träume maschinell gefertigt werden – im Akkord, jeden Tag und zu jeder Stunde. Ein Paradoxon. Die Traumfabrik in Hollywood spült jede Woche dutzende Filme in die Kinos und direkt auf DVD. Oder sie stehen als Download zur Verfügung. Die Filmstudios bestimmen indirekt, wie wir denken und handeln, wie Beziehungen aussehen, wonach wir uns sehnen, fürchten oder lieben. Und die Leitfiguren dieser Maschinerie sind die Stars, die als Verkörperung und Ideal all dieser Träume gelten. Für Hinz und Kunz gibt es kaum was schöneres als ihren „perfekten“ Vorbildern so nah wie möglich zu kommen. So fahren Touristen mit der „Map to the Stars“ durch den Prominenten-Ort Beverly Hills, in der Hoffnung an den Wohnorten dieser Außerirdischen ein bisschen Glitzer und Glamour zu erhaschen. In der Satire Map to the Stars von Regisseur David Cronenberg bleibt von dieser Aura nichts, aber auch rein gar nichts über.

Ein Sack voller Probleme

Im Zentrum steht die dysfunktionale Familie Weiss, die in Hollywood lebt. Der Junge Benjie ist ein arroganter Kinderstar, der seine Umwelt mit Zynismus straft. Die Tochter Agata (Mia Wasikowska) leidet unter Schizophrenie und kommt nach einem Klinikaufenthalt in Florida unbemerkt zurück in die Filmmetropole. Und von den Eltern ist auch nicht viel zu erwarten: Die labile Mutter kümmert sich in hysterischer Weise um ihren Jungen und der egoistische Vater Stafford (John Cusack) agiert als Pseudo-Psycho-Guru, der den Stars hilft, ihre Kindheitstraumata zu bewältigen. So zum Beispiel der gealterten und abgehalfterten Schauspielerin Havanna Segard (Oscargewinnerin Julianne Moore), die in einem Remake dieselbe Rolle spielen will, die ihre Mutter schon einmal auf Zelluloid ausfüllte. Nur: Havannas Mutter hatte sie als Kind missbraucht und verfolgt sie nun als böser Geist. Alle Akteure in Map to the Stars tragen ihr Päckchen oder vielmehr einen ganzen Sack an Problemen. Um sie zu lösen, wird gelogen, manipuliert und intrigiert. Die Träume aus Hollywood werden mit harten Bandagen und spitzen Ellenbogen erkämpft. Die Stars leben ihre Neurosen in extenso aus und verwandeln sich in selbstsüchtige Monster. Sie suchen in Massagen und Yoga die körperliche Balance und betäuben mit Medikamenten und Drogen ihr seelisches Ungleichgewicht. So heißt es locker flockig: „You know what hell is? A world without narcotics“

Frontale Treffer statt Seitenhiebe

Der Kanadier und Regisseur des Films David Cronenberg ist ein Allesforscher. Über Jahrzehnte legte er mit seinen Filmen immer die Finger in die Wunde von Gesellschaftsproblemen. Seine Wurzeln hatte er beim Body-Horror (Shivers, 1975), verbreitete sein Spektrum mit Identitätsfragen (The Fly, 1986) bis hin zu aktuellen Entwicklungen wie die Finanzkrise (Cosmopolis, 2012). Sein Blick auf die Filmindustrie in Hollywood ist eine besondere Abrechnung, denn jeder Charakter ist zynisch und egoistisch bis aufs Blut und im Grunde furchtbar einsam. Seitenhiebe findet man vergebens, es sind vielmehr frontale Treffer. Subtil ist anders. Ein Limousinen-Chauffeur (Robert Pattison), der natürlich auch Schauspieler werden will, fährt die Stars und Produzenten durch die Stadt. Er sagt ganz nüchtern, als das Gespräch auf Scientology kommt: „I’m thinking about converting as a career move.“ Tom Cruise wäre vermutlich stolz auf ihn. Oder auch die exzentrische Diva Havanna beschwert sich über drogensüchtige persönliche Assistenten, die in den Entzugklinken mittlerweile einen eigenen Flügel einnehmen. Konsequent ist die Idee von Benjies Freund, seine sprichwörtliche Scheiße an seine Fans zu verkaufen. Sie zahlen dafür bereitwillig 3.000 Dollar für eine Ladung. Ist das nicht der Stein der Weisen? Ich wette, Justin Bieber könnte genau dasselbe tun.

Don’t believe the hype

Bei der Hollywood-Satire Sunset Boulevard, dem Klassiker von Billy Wilder aus den 1950er Jahren, tauchte man in die Welt eines verrückten Stars ein. Dort hatte lediglich die Hauptperson einen veritablen Schaden und Welt drum herum war „normal“. Bei Map of the Stars ist die Verrücktheit der Normalzustand – Hollywood als Käfig voller Narren. Ich stellte mir die Frage, wie man als Schauspieler überhaupt noch auf dem Boden bleiben kann, wenn um die eigene Person so ein großer Hype (Papparazzi, aufdringliche Fans, mediale Dauerpräsenz) gemacht wird. Eigentlich kaum möglich. Die Traumfabrik frisst gerne ihre Kinder, dreht sie durch den Filmwolf und hinterlässt oft seelische Wracks. Beispiele für gelungene Abstürze füllen Bände. Die Verleiher in den USA sind mit dieser düsteren Version Hollywoods nicht so schnell warm geworden. Denn: Der Start erfolgte erst vor wenigen Tagen, am 27. Februar 2015. In Deutschland dagegen lief der Film schon im vergangenen September.

 Fazit: Map to the Stars ist drastische und schmerzhafte Abrechnung mit der Traumfabrik, die sehr zynisch geraten ist. Mir wäre ein subtilere Kritik lieber gewesen, aber vielleicht hätte sie sonst keiner wahrgenommen. 3,5 von 5 Sternen.

 

 

 

 

 

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8 Gedanken zu “Wo die Neurosen blühen (Map to the stars, USA 2014)

  1. Oh weh … ich war für die Satire nicht besonders empfänglich. Obwohl ich selber ein zeitweise ironisch-sarkastischer Mensch bin, habe ich oft ein Problem mit Satire. Was ja zuweilen artverwandt sein kann…
    Wenn aber in Filmen nur so eine Fülle an unsympathischen Menschen auftaucht, habe ich oftmals schnell keine Lust mehr. So gesehen in Maps to the stars. Ich kann das schwer trennen. Hasse ich die Charaktere, hasse ich meist den Film … ich war wirklich nicht begeistert. Was heißt: dass der Film gut funktioniert? Wahrscheinlich.

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    • Ja, in dem Film gibts keinen einzigen sympathischen Charakter – was mir auch etwas aufgestoßen ist. Aber wahrscheinlich ist das nicht möglich, sonst kommt Hollywood noch zu gut weg. Die Seitenhiebe waren in Map to the Stars schon sehr böse, was mir auch gefallen hat. Aber zum Lieblingsfilm reicht es bei weitem nicht. Wenn du dich mit den Charakteren stark identifizierst: Muss ein Film für dich ein Happy End haben, damit er gut ist?

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    • Absolut nicht. Ich brauche keine weichgespülten Wischi-Waschi-Heile-Welt-Enden. Es gibt Filme, da wünsche ich sie mir sehr, bin ich doch eher harmoniebedürftig 🙂 aber es muss nicht sein. Bei meiner Abneigung gegen manche Filme und Drehbücher spielt eher eine Rolle, ob ich überhaupt einen Charakter habe, mit dem ich mich identifziere oder wenn nicht: mit dem ich einfach mitleiden/mitfiebern/miteifern kann. Hatte ja große Hoffnungen in Mia Wasikowskas Charakter gesteckt, aber das wollte nicht so recht klappen.

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  2. Du hast wirklich Talent gute Rezensionen zu schreiben! Leider sind es nur oft Filme, die mir begegnen müssten und die ich nicht gezielt suche 😉 machst du denn beruflich auch etwas mit schreiben?

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    • Oh weh… das ist echt eine schwere Frage… und kann ich wohl auch nicht beantworten. Würde ich jetzt keinen einzigen gemeinsamen Nenner für die Filme finden, die ich schaue… ich schätze, da muss einfach irgendwie der Funke überspringen, dadurch dass ich dies und das darüber gehört habe und dann will ich den Film auch sehen.

      Das heißt du machst jetzt etwas anderes? Ist ein bisschen schade!

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    • Nunja, mit Schreiben Geld verdienen ist eine heikle Angelegenheit. Das geschriebene Wort ist kaum etwas mehr wert. Ich nehme an, diese Erfahrung wirst du als Autorin auch schon gemacht haben, oder?

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