Viel sagen ohne Worte (Ida, Polen 2013)

 

©Opus Film

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Die Wahrheit kann einen Menschen befreien oder zusammenbrechen lassen. Bei Anna ist das anders. Sie sitzt da, das schöne Gesicht ohne große Gefühlsregung und ihre großen dunklen Augen blicken offen, als ihre Tante Annas Leben in 1960er Jahren auf den Kopf stellt: Sie, die junge Frau, stamme aus einer jüdischen Familie. Die Eltern sind während des zweiten Weltkriegs umgekommen. Es ist deswegen so ungewöhnlich, weil Anna als Waisenkind in einem katholischen Konvent aufgewachsen ist und nun in wenigen Tagen ihr Gelöbnis als Nonne ablegen soll. Ihre Tante hatte sich um das Mädchen nicht groß gekümmert. Sie hatte einen Job als harte Richterin, bekannt auch als die rote Wanda, raucht, sauft und ist promiskuitiv. Die tugendhafte Anna wünscht sich nun von ihrer Tante die Gräber ihrer Eltern zu sehen. Gemeinsam reist das ungleiche Paar in die polnische Provinz – auf den Spuren der Vergangenheit.

Schweigen ist Gold

Der polnische Film Ida ist der Abräumer der letzten Jahre. Über 50 Filmpreise und Auszeichnungen konnte die in schwarz-weiß fotografierte Geschichte gewinnen, darunter den europäischen Filmpreis und zuletzt den Oscar für den Besten ausländischen Film. Regisseur Pawel Pawlikowski sagte anlässlich seiner Dankesrede in Los Angeles: “We make a film about silence and withdrawing from the world and the need for contemplation – and here we are, at the epicentre of world noise and attention. Fantastic – life is full of surprises.” Keine 30 Seiten Skript umfasst das Drehbuch: Für Pawlikowski müsse ein Film auch ohne Dialoge funktionieren. Und doch schafft es der Film in knapp 80 Minuten beängstigend viel zu erzählen. Über ein sozialistisches und gleichzeitig katholisches Polen, das den zweiten Weltkrieg bestens verdrängt hat: die Bevölkerung, die nicht nur unter den Kriegsverbrechen der Nazis litt, sondern auch selbst unmenschlich gegenüber den Juden war. Diese Sichtweise wurde in Polen bereits vor einigen Jahren mit der Diskussion um das Massaker von Jedwabne aufgegriffen und heiß diskutiert. Kein Wunder, dass Ida unterstellt wird, er sei unpolnisch.

Jazz vs. Kirchenmusik

Die Novizin Anna ist auch den Versuchungen der modernen Welt ausgesetzt. Sie trifft einen attraktiven Musiker, einen Freigeist, der mit seiner Begeisterung für den flirrenden Jazz von John Coltrane diametral zur Kirchenmusik steht, die Anna ihr Leben lang gehört hat. Würde sie sich vor ihrem Gelöbnis noch „versündigen“? Sie, die die Liebe nur vom Hörensagen kennt? Agata Trzebuchowska verkörpert die sehr stille und konzentrierte Anna, die auf der Suche nach sich selbst ist, mit einer unglaublichen Präsenz. Sie darf zurecht als eine der großen Neuentdeckungen des europäischen Kinos gelten. Die Kamera liebt ihr Gesicht und bleibt oft in langen Einstellungen darauf kleben. Überhaupt wirken die Bilder sehr auf die Menschen fokussiert, die Umgebung tritt in den Hintergrund. Die Kameramänner Lukasz Zal und Ryszard Lenczewsk wählten für Ida einen quadratischen Bildausschnitt statt dem üblichen Kinoformat (1,66:1). Somit kann auch nichts von den Personen ablenken und die emotionale Spannung zwischen Anna und ihrer Tante Wanda kann das Zentrum des Films beherrschen. So kommen verdrängte Wahrheiten aus dem Dunkel der Geschichte ans Licht und führen zu unweigerlichen Konsequenzen.

Fazit: Ida ist eine spartanische Geschichte, die mit starken Bilder und zarten Gesten punktet. Dieser kleine Film, dem eine große Kraft innewohnt, hat den Auslands-Oscar wirklich verdient.  4,5 von 5 Sternen.

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2 Gedanken zu “Viel sagen ohne Worte (Ida, Polen 2013)

    • Ja, die Dankesrede wirkte sehr sympathisch. Hab oft das Gefühl, dass die Europäer meist mehr aus sich rausgehen (siehe Roberto Benigni) und sich ein bisschen mehr freuen. Und der Film ist eine sehr reduziert, sehr schweigsam, sehr eigenwillig und damit sehr cool. Lohnt sich!

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