Oscars2015: Die politischen Festspiele von Los Angeles

©AMPAS

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Neil Patrick Harris in einem weißen Schlüpfer. Eine Szene, die Fans von How I met Your mother nicht so ungewöhnlich finden, hat er doch sich als Barney Stinson schon für so manche Frau entblößt. Als Gastgeber der 87. Oscars in der vergangenen Nacht, war das einerseits ungewöhnlich und andererseits auch nicht. Sonst sind die Moderatoren beim Branchenhöhepunkt des Jahres eher konservativ, charmant und vor allem im wahrsten Sinne des Wortes zugeknöpft. Er dagegen hat kein Problem, eine Szene aus dem Gewinnerfilm des Abends Birdman nachzustellen. So unkompliziert Harris seine Schauspiel- und Sangeskünste zur Schau stellte, saßen nicht alle seine Wortwitze im Verlauf des Abends. Oftmals wartete man auf eine Pointe, allerdings kam sie nicht. Die Taktik der Verzögerung, wie in How I met your mother zum guten Ton gehörte – Wait for it, it’s gonna be legen-……..dary – griff einfach nicht. Schade eigentlich, ich hatte mich auf ihn sehr gefreut. Aber: Der Conferencier der Oscars schwankte zwischen Totalausfall und hübschen Ideen, die Eingangssequenz „Moving Pictures“ fand ich sehr gelungen. So bleibt von den Oscars weniger die Moderation in Erinnerung als vielmehr die politischen Aussagen der Gewinner – natürlich neben den Preisen.

Politik in Hollywood

Viele der Gewinner, die einen Goldjungen in Empfang nehmen durften, nutzten die Gelegenheit, auf die drängende Probleme in der Welt Aufmerksamkeit zu machen. Patrica Arquette bekam den Oscar für ihre Leistung als beste Nebendarstellerin (Boyhood) und schimpfte über ungerechte Bezahlung von Frauen. Meryl Streep und Jennifer Lopez sprangen begeistert auf und jubelten Arquette zu. John Legend, Bester Song des Jahres, machte indirekt auf die Situation der Schwarzen in den USA aufmerksam. Viele der Schwarzen im Publikum hatten Tränen in den Augen. Und Graham Moore, der den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch einheimste, gestand dem Publikum, dass er sich als 16-Jähriger umbringen wollte. Er rief alle Jugendlichen, die sich zu unsicher in dieser Welt fühlen: „Stay weird, stay different.“ Es lohne sich an sich zu glauben und durchzuhalten, schließlich spreche er hier nun vor diesem Publikum. Hier gabs keine großen Reaktion, zumal sich keine 16 -Jährige in den Sitzreihen im Dolby Theatre befanden. Als Regisseurin Laura Poitras den Preis für den beste Dokumentarfilm (Citizienfour) gewann, hielt ein kurzes Plädoyer für die Privatsphäre und die große Leistung Edward Snowdens. Neil Patrick Harris nahm die Vorlage auf, Snowdon könnte an der Veranstaltung nicht teilnehmen – „for some treason“. Irgendwie bitter. Ehrlich gesagt, ich fand es ganz gut, diese kurzen Appelle hinaus in die Welt zu schicken. Die Dankesreden haben sonst die Spannung eines Butterbrotes. Und so kam ein bisserl Herz und Engagement in die Oscars rein.

Boyhood: Sieger der Herzen

Beim eigentlichen Kern der Oscars – der Verleihung für die besten Leistungen des Jahres – blieben große Überraschungen in diesem Jahr aus. Die vorab lancierten Favoriten haben sich durchgesetzt. Auch meine Vorhersage ist weitestgehend eingetroffen, bis auf zwei Preise: Als bester Regisseur wurde Alejandro González Iñárritu (Birdman) statt Richard Linklater (Boyhood) ausgezeichnet. Und das beste adaptierte Drehbuch sicherte sich Graham Moore für The Imitation Game gesichert. Mein Tipp war American Sniper. Der Rest ging auf. Gefreut hat mich, dass der polnische Beitrag Ida den Preis für den Besten ausländischen Film gewann – ist es doch ein sehr spartanischer, leiser und sehr künstlerischer Film. Während Grand Hotel Budapest die „kleineren“ Oscars (Produktion, Make-up, Musik und Kostüme) verdientermaßen bekam, machte Birdman die großen Punkte (Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Film). Ich finde, es ist auch wirklich ein würdiger Gewinner, vereint er doch viele Qualitäten. Angefangen von der grandiosen Kamera-Arbeit bis zum Drehbuch und den Schauspielerleistungen. Wo Gewinner sind, gibts auch Verlierer. Der von mir sehr geliebte Boyhood konnte nur in einer Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ den Sieg davontragen. Die Chancen standen für die Beste Regie und den besten Film sehr gut, allerdings hat Birdman mit den Problemen eines gealterten Schauspielers mehr den Nerv der Jury getroffen. Macht nix! Boyhood bleibt für mich der Sieger der Herzen! Der Film ist ein absolutes Unikum, das nicht so schnell Nachahmer finden wird, bzw. wenn, dann sehen wir die Ergebnisse erst in zwölf Jahren! 😉

Also dann, auf ein neues Jahr toller Entdeckungen und Geschichten bis Ende Februar! Wenn es wieder heißt: … and the Oscar goes to…!

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12 Gedanken zu “Oscars2015: Die politischen Festspiele von Los Angeles

  1. Auf den Punkt.
    TIG hat mich in der Drehbuchkategorie auch überrascht, aber die Rede war klasse.
    Ich echauffiere mich nur etwas über „American Sniper“. Zwar habe ich ihn nicht gesehen, finde aber der Tonschnitt-Preis hat diese Trostpflasterattitüde an sich. NPH hatte mit seinem Vergleich am Anfang schon recht: „Diese Hälfte des Publikums zählt als die Einnahmen der anderen Filme. Oprah, du zählst für American Sniper“.
    NPH selbst fand ich am Anfang angenehm präsent, auch wenn die Witze nicht immer zünden wollten. Ab der Hälfte hätte ich ihn trotzdem gerne wieder öfters gesehen. Naja, die Verleihung war okay, aber leider nicht innovativ genug.

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  2. Ach, ich fand NPH gar nicht so schlecht – ich hatte eher das Gefühl, das Publikum hat seinen Humor nicht gerafft, aber er erntet ja anscheinend richtig viel Kritik jetzt. Ich habe schon beim Media Monday geschrieben, dass mir tatsächlich die Verleihung richtig gut gefallen hat – anscheinend war ich die Einzige. Ich fand sie sehr emotional irgendwie, vielleicht war es auch nur meine Stimmung, die seit London irgendwie melancholisch ist…

    Ich bin mit den Ergebnissen sehr zufrieden, meine beiden Favoriten (GBH und Birdman) haben jeweils ganz gut abgeräumt. Ah, und „Big Hero 6“! Toll! 🙂

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  3. Ich fühlte mich bei seiner Moderation auch sehr an den typischen Sitcom Humor erinnert, auch wenn es teilweise politisch war. Da hätte ich mir von ihm schon etwas eigenständigeres erwartet. Das Boyhood nicht so viel abstauben konnte fand ich auch recht schade, aber die Konkurrenz mit Birdmen ist doch recht schwer zu übertreffen.

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    • Ja, Birdman war ne sehr harte Konkurrenz. Und stimmt: Neal Patrick Harris hat versucht den Sitcom-Charme rüberzuretten, ist aber damit gescheitert. Wie gesagt, ihm hätte ich es zugetraut, dass er die Sache wuppt.

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  4. Ich freue mich jedes Jahr auf die Oscars, nur um wieder festzustellen, dass es einfach nur eine langweilige Veranstaltung ist, mit keinen Überraschungen, dafür mit Enttäuschungen. Ich sehe es mir aber trotzdem jedes Jahr wieder an, weil ich es entweder vergessen habe, oder die Hoffnung nicht aufgebe, dass es irgendwann ein bisschen toller wird. Von NPH hatte ich mir auch mehr erwartet. Da war Ellen noch witziger. Enttäuscht bin ich dass Boyhood so schlecht davon gekommen ist. Ich hätte ihm den besten Film echt gegönnt. Dafür hätte ich Michael Keaton (ohne Birdman gesehen zu haben) die goldenen Statue gewünscht. Außerdem finde ich es traurig, dass Grand Budapest Hotel so viele Oscars bekommen hat und Wes Anderson keinen davon selbst zuhausen stehen hat.

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    • Ja stimmt – die Ellen war witziger und ihre Jokes saßen einfach. Bei Neil Patrick Harris war es mehr so ein Drahtseilakt zwischen Absturz und Höhenflug. Ach, für Wes Anderson ist glaub ich schon ein großer Erfolg, dass sein Film bei den Oscars so oft nominiert ist. Schließlich hat er doch recht klein angefangen – aus der Independent-Szene ist er nun im Mainstream angekommen. Was nicht heißen soll, dass Grand Hotel Budapest ein nicht ebenso würdiger Preisträger gewesen wäre wie Birdman. Ja, dass die Oscars eher eine langweilige Veranstaltung ist, verdrängt man gerne und freut sich jedes Jahr aufs Neue, als wäre man geblitzdingst worden! 😉

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  5. Danke für die ausführliche Zusammenfassung. Nun weiß ich, dass ich nichts verpasst habe. „Boyhood“ wird auch für mich der Sieger der Herzen bleiben. Schade auch, dass NPH anscheinend nicht wirklich so gut war. Naja, nächstes Jahr neue Chance? Vielleicht schau ich irgendwann doch mal wieder rein…

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    • Ob Neal Patrick Harris nächstes Jahr nochmal rand darf, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht werden ja dann Tiny Fey und Amy Poehler von den Golden Globes rekrutiert. Erste Spekulationen machen schon die Runde, dass Chris Rock oder Julia Louis-Dreyfus im nächsten Jahr sich in der Löwenmanege behaupten könnten. Freuen wir uns auf nächstes Jahr! 😉

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