Egotrippin (Höhere Gewalt, S/F/N 2014)

© Alamode Film

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In vielen Filmen hat eine Naturkatastrophe kathartische Wirkung. Im Film Höhere Gewalt tritt genau das Gegenteil ein. Hier stößt sie die Probleme erst an: Die schwedische Familie Tomas und Ebba samt ihren beiden Kindern machen Ski-Urlaub in einem luxuriösen Ferien-Resort in Frankreich. Die Familie sitzt beim Essen auf einer Terrasse eines Restaurants mitten in den Bergen und beobachtet eine kontrollierte Sprengung aus der sich eine Lawine ergibt. Doch anders als geplant, rast diese Schneewalze auf das Hotel zu. Während Ebba ihre Kinder schützt, macht sich Tomas aus dem Pulverstaub. Den Beteiligten ist bis auf den Schrecken nichts passiert, aber Ebba kommen Zweifel: Denkt ihr Ehemann nur an sich selbst? Zumal Tomas die Situation ganz anders wahrgenommen hat. Natürlich sei er bei den Kindern geblieben. Eine Diskussion mit Freunden über diesen Vorfall stürzt Tomas in eine Sinnkrise.

Kraft und Technik

Höhere Gewalt ist ein ruhiger Film. Die Hauptcharaktere sind das Verhältnis zwischen Mensch und Natur und ein zwischenmenschliches Unbehagen, das ständig in der Luft schwebt und aufgelöst werden will. In der Regel sind es äußere Kräfte oder gar Gewalten, die die Protagonisten in diese Unruhe versetzen. Die Quelle dafür hat im Film oft einen technischen Ursprung: Die Sprengung führt zu einer Lawine, die lauten Schneefahrzeuge, die nachts die Piste präparieren und das Einschlafen erschweren. Oder ein heranrasender Spielzeug-Helikopter der Kinder unterbricht ein Gespräch. Immer sind Tomas und Ebba abgelenkt und müssen darauf reagieren. Erst am Schluss des Films können sie sich davon befreien. Und dann geht es natürlich um das männliche Ego von Tomas, das durch Ebbas Vorwürfe Schaden genommen hat. Im Beruf erfolgreich, eine glückliche Familie zu Hause, eine liebende Partnerin, und er denkt in einem entscheidenden Moment nur an sich selbst. Was ist er nur für ein Vater, für ein Mann, für ein Mensch? Welche dunklen Seiten nimmt Tomas selbst auf einmal an sich wahr? Um seine Blockaden zu eliminieren, bekommt er von seinem Freund den Tipp: „Zwei Jahre Therapie haben bei mir nichts gebracht, aber fünf Minuten Schreien haben Wunder vollbracht.“ Sein erster Versuch auf diesem Pfad brachte keine Lösung und bei Nummer zwei steht er völlig neben sich: Tomas sieht sich roher menschlicher Kraft ausgesetzt. Eine Horde halbnackter junger Männer stürmt auf ihn zu und reißt ihn in ein Partyzelt mit, wobei sie sich biertrinkend die Lunge aus dem Leib schreien.

Vivaldis Sommer im Winter

Aber auch für Ebba stellen sich Fragen: Ihr Leben für die Familie zu opfern, um dann in einem solchen Moment hilflos und allein zu sein, war das die richtige Entscheidung? Wäre es nicht sinnvoll, eine offene Beziehung zu führen, die für sie selbst erfüllender ist als ihr bisheriges Dasein. Das Setting steht in der entfernten Tradition von August Strindberg, der in seinen Büchern gerne menschliche Eitelkeiten und Befindlichkeiten verhandelt hat. Der Regisseur Ruben Ostlund unterstützt seine Winter-Geschichte mit einem einzigen Musikstück: Vivaldis Version von „Sommer“ aus den Vierjahreszeiten – als Akkordeon-Version. Eine Schelm, wer böses denkt. Dazu findet er tolle Bilder und Metaphern, die den Blick „out of the box“ auf gesellschaftliche Strukturen wagen. Wenn Tomas und Andrea privat sprechen wollen, gehen sie vor die Tür. Denn: Sie wollen ihre Diskussionen nicht vor den Kindern austragen. So stehen sie im offen galerieartig angelegten Hotelflur und werden beobachtet. Gefangen in der familiären Struktur können die beiden Erwachsenen nicht einfach frei von der Leber reden – Privatsphäre adieu. Was mir auch sehr gefallen hat: Der Zuschauer hat keine Ahnung, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird. So muss aufregendes Kino sein!

Fazit: Höhere Gewalt erzählt eine interessante und toll inszenierte Geschichte, wie emotionale Ereignisse in einer Beziehung verarbeitet werden. Starker Film aus Skandinavien. 4,5 von 5 Sternen.

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