Ein Mann mit Vogel (Birdman, USA 2014)

 

©Fox Searchlight

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Riggan Thomson (Michael Keaton) kämpft an allen Fronten. Vor einigen Jahrzehnten verkörperte er den Superhelden namens Birdman. Danach fiel seine Karriere steil bergab, da er zwar weitere Fortsetzungen hätte spielen können. Doch schlug er dieses Angebot aus, um nicht auf eine Rolle festgelegt zu werden. Und damit war er in der Versenkung verschwunden. Jetzt plant er sein Comeback – mit Anfang 60: Ein ambitioniertes Stück am Broadway soll ihm wieder die verdiente Anerkennung bringen. Er ist dabei Produzent, Darsteller und Regisseur in einem. Doch so einfach ist es nicht: Die männliche Hauptrolle des Stücks fällt während den Proben aus. Der Ersatzmann Mike Shiner (Edward Norton) ist eine unberechenbare Rampensau, der mit allerlei Allüren Thomson in den Wahnsinn treibt. 

 

Probleme über Probleme: Die Chefkritikerin will das Stück zerreißen. Seine Freundin verkündet ihm, dass sie schwanger ist. Und seine Tochter kommt gerade aus der Rehabilitationsklinik und heuert bei ihm als Produktionsassistentin an. Zu guter Letzt gibt es noch Thomsons Über-Ich, das ihm mit der Stimme des Birdman regelmäßig die Leviten piept und versucht, ihn wieder in das Blockbuster-Geschäft zu locken. Viel zu verkraften, zumal Thomson alles andere als ein stabiler Charakter ist. Er nimmt er seine Umwelt nur unzureichend wahr, da er zu sehr mit sich selbst und seinen depressiven Neigungen beschäftigt ist. Auch verweigert er sich den Mechanismen des Geschäfts. Denn jeder Mensch wolle etwas relevantes schaffen und die Welt habe nicht auf ihn gewartet, sagt ihm seine Tochter: „You hate Bloggers, you mock Twitter. You don’t even have a Facebook-Page“. Ihrer Meinung nach lassen nur sich der Verkauf von Tickets sowie Lob und Anerkennung der Kritiker nur über Aufmerksamkeit einheimsen.

Nicht ein gefühlter Schnitt

In Birdman steckt viel drin. Ein satirischer Metafilm (diese Gattung scheint sich gerade großer Beliebtheit zu erfreuen, siehe: The Clouds of Sils Maria) über Kunst, Theater, Egomanen und Medien: Die Situation von Thomson gleicht beinah eins zu eins dem Leben des Hauptdarstellers Michael Keaton, der Ende der 1980er zweimal den Comic-Helden Batman spielte. Hernach fand er sich eher in der zweiten Garde Hollywoods wieder. In einem Interview mit der FAZ bekannte Keaton: „Natürlich denken die Leute, in diesem Film ginge es um mich. […] Von allen Rollen, die ich gespielt habe, war dieser Mensch eine der Figuren, mit denen ich mich am wenigsten identifizieren konnte.“ Trotzdem hat der renominierte Regisseur Alejandro González Iñárritu (Babel) ihm die Rolle wohl nicht ohne Grund auf den Leib geschrieben. Er schafft ein wunderbares Panoptikum mit präzisen Charakterstudien, flotten Dialogen, dezenten Phantasielementen und einer Dynamik, die seinesgleichen sucht. Denn: Die Kamera von Emmanuel Lubezki, vor allem bekannt durch seine Arbeit an Gravity, folgt den Protagonisten sehr körpernah den ganzen Film durch – es gibt keinen Schnitt. Wie eine Drohne folgt der Zuschauer Thomson durch die Katakomben des St.James Theatre, auf den Times Square und wieder zurück. Ein steter Bilderfluss, der die 119 Minuten Laufzeit im Nu vergessen macht. Das Schauspieler-Ensemble ist zudem eine Wucht: Keaton brilliert, Norton als egomanischer Arsch zeigt eine tolle Leistung und Emma Stone darf als gewiefte Tochter ihre dramatische Seite mal wieder hervorholen. Nicht zu unrecht ist der Film für neun Oscars ( u.a. Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, Bester Nebendarsteller/-in, Bestes Screenplay, Beste Kamera) nominiert. Eins ist sicher: Die Formel „and the Oscar goes to..“ wird bei der diesjährigen Verleihung oft durch Birdman ergänzt werden.

Fazit: Birdman ist großes Darstellerkino, glänzt mit ausgeklügelter Technik, viel Witz, einer irren Geschichte und bietet Stoff zum Nachdenken. 5 von 5 Sternen.

 

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13 Gedanken zu “Ein Mann mit Vogel (Birdman, USA 2014)

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  3. Mochte den Film auch sehr gerne! Und habe die Botschaft definitiv besser verkraftet als in Biutiful (der war mir zu düster, zu schwer, zu depressiv). Allerdings habe ich auch immer vermutet, dass Keaton wirklich ein bisschen die Vorlage für Riggan war, bis ich ein Interview in der Cinema gelesen habe, wo er etwas ähnliches gesagt hat wie in deinem FAZ-Ausschnitt.
    Allerdings erinnert mich Birdman auch unheimlich an iron Man. Wegen der Gestaltung des Plakats und einiger Anspielungen … .
    Und ich bin sehr begeistert, dass die Academy sich traut den zu nominieren und dass obwohl er die Branche auf die Schippe nimmt.
    (Fandst du nicht auch dass er mit Verband wirklich stark nach Birdman aussah?)

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    • Hmm ich glaub, dass Keaton natürlich die Vorlage war. Ich meinte sogar gehört zu haben, dass Keaton am Broadway Stücke inszeniert hat. Hab dann bei der Recherche nichts dazu im Netz gefunden, weswegen ich in meiner Kritik darauf verzichtet habe, es zu erwähnen. Keaton sieht sich in der Lage, dass er das abstreiten muss. Schließlich würde er sonst für ziemlich depressiv gehalten. Und wer will das schon.
      Birdman erinnert dich sehr stark an Iron Man? Jetzt, wo du es sagst. Ehrlich gesagt, der Gedanke kam mir nie. Ich hatte wirklich nur Batman vor Augen und im Ohr – allein schon wegen der tiefen Stimme. Oder vielleicht einfach, weil ich um Keatons Geschichte wusste.
      Hmm, dass der Film nominiert wurde, verwundert mich jetzt nicht so: Ich hab den Eindruck, dass die Academy Filme mag, die in irgendeiner Weise die Film- und Unterhaltungsbranche dreht. In den letzten Jahren schnitten Filme wie Argo oder The Artist immer ziemlich gut ab. Deswegen dürfte es fast schon sicher sein, dass Birdman einen Großteil der Oscars in diesem Jahr abräumen dürfte.

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    • Gerne. Ja, sein letzter Film „Biutiful“ liegt schon ein wenig zurück. Ist wieder mal Zeit geworden, dass von ihm was neues kommt und nicht alle Regie-Lorbeeren Mexikos seinem Kollegen Alfonso Cuaron (Gravity) überlässt. Viel Spaß beim Schauen!

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  4. Ah, schön, dass dir der Film auch so gut gefallen hat! Ich muss ENDLICH meine Kritik dazu schreiben! Ich weiß jetzt gar nicht mehr, ob ich „The Grand Budapest Hotel“ oder „Birdman“ mehr die Daumen drücken soll – eindeutig meine zwei Oscar-Favoriten (da gehe ich mit der Academy d’accord)!

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    • Ja ein wirklich grandioser Film. Wobei ich glaube, dass Birdman mehr Chancen haben wird als Grand Hotel Budapest. Komödien haben es immer ein bisschen schwerer als Dramen. Zumal Birdman die Unterhaltungsbranche aufs Korn nimmt, was den Juroren eher schmeichelt. Möge der „Beste“ gewinnen! 😉

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