Blut, Schweiß und Tränen (Whiplash, USA 2014)

Bold Films

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Die vibrierende Snaredrum, die tiefdumpfen Tomtoms, das flirrende Hi-Hat, das Crash- und das Ride-Becken, die weichen Besen und die harten Sticks, die auf all die Sachen einschlagen. Dieses Arsenal an Instrumenten steht einem Schlagzeuger zur Verfügung. Wer es voll ausnutzt, wird bis an die Belastungsgrenzen gefordert, physisch und psychisch. Und Andrew, ein 19 Jähriger ehrgeiziger Schlagzeuger an einer renommierten Musikschule in New York, kommt genau da hin und drüber hinaus: Schließlich will er der beste Schlagzeuger der Welt werden.

Wie zum Genie?

Andrews großes Vorbild ist der legendäre Buddy Rich. Um auf den musikalischen Olymp zu kommen, blutet er, schwitzt er, weint er – buchstäblich. Schuld daran trägt sein masochistischer Musiklehrer Mr. Flechter: durchtrainiert, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, schwarze Schuhe, Glatze und gesegnet mit dem absoluten Gehör. Zum Leidwesen seiner Schüler leitet Flechter die beste Schul-Bigband im ganzen Land. Und seine Devise ist ganz klar: Wer nicht Leistung bringt, fliegt gnadenlos raus. Aber Fletcher setzt noch einen drauf: Er spielt die konkurrierenden Schüler gegeneinander aus, manipuliert sie, schreit sie an oder wirft Gegenstände nach ihnen. Fletcher wird phänomenal gespielt von J.K. Simmons, wofür er völlig zurecht für den Oscar nominiert wurde. Dieser menschliche Eisblock wirkt wie die Wiedergeburt von Sgt. Hartman für das 21. Jahrhundert, dem Ausbilder aus dem Film Full Metal Jacket. Nur, wer seine Grenzen überschreitet, wird eines Tages ein Genie werden, wie Jazzlegende Charlie Parker, denkt Fletcher. Diesem Ziel hat er sich voll und ganz verschrieben und treibt so seine Band zu Höchstleistungen an – ein Vorgehen mit dem James Brown große Erfolge feierte. Den Charme einer Walddorfschule versprüht der Band-Leader damit nicht. Dieses System fördert und fordert zwar Andrews Ehrgeiz, sich voll und ganz dem Schlagzeug zu widmen, aber auch die Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst.

Vor Wut ein Becken zertrümmert

Andrews (Miles Teller) Fokussierung auf sein Schlagzeug, das Teller größtenteils selbst gespielt hat, verwandelt ihn in einen Misanthropen. Er stellt Freunde, Partys oder Beziehung hinten an, denn sie halten ihn vom Spielen ab. Der Film stellt die Frage, ob es lohnt, all das für die Möglichkeit zu opfern, eventuell in die Geschichtsbücher einzugehen. In seiner Familie gilt sein Schlagzeugspiel nicht so viel wie das Football-Stipendium seines Cousins an einem College. Andrew baut sich Druck auf, um sich das Wohlwollen von Fletcher zu verdienen. Aber er droht zu scheitern: Den schwer zu spielenden Double Swing bekommt er einfach nicht hin. Aus Frust und Wut durchschlägt Andrew das Fell der Snaredrum. Eine Erfahrung, die der Regisseur Damien Chazelle, selbst Drummer, einige Male schon erlebt hat. „I did that a few times. Never before have I been more enraged. I know a lot of musicians will be able to relate to this. There’s something very particular about the kind of rage you feel when you’re alone in a practice room by yourself, unable to master a simple thing like a rudiment.“ Diese Gewalt und Wucht entlädt sich die ganzen 90 Minuten des Films durch. Um eine düstere Grundstimmung für die Duelle zwischen Andrew und Fletcher zu erzeugen, setzt Chazelle auch auf Licht und Schatten. Andrew sieht man nur seinem Zimmer üben oder im abgedunkelten Probenraum mit Mr. Fletcher und der Band. Umso erhebender klingt dafür die Musik: der Bigband-Sound reißt mit und macht Lust auf mehr. Selbst Leute, die mit Jazz nichts anfangen können, werden mitwippen. „Whiplash“ heißt übersetzt Schleudertrauma und ist gleichzeitig das Stück, an dem Andrew lange scheitert. Der Zuschauer wird auch ordentlich durchgeschüttelt, wie bei einer Achterbahnfahrt: Man fühlt sich danach glücklich und zufrieden.

Fazit: Whiplash ist eine Tour de Force zwischen zwei extremen Charakteren, die an ihre Grenzen gehen. Untermalt von toller Musik machte mir  dieses Duell sehr viel Spaß. Zumal der Film auf sein Thema fokussiert ist, ohne jeglichen Firlefanz. Kein Bild zuviel oder zuwenig. 4,5 von 5 Sternen.

Starttermin: Ab 19.2. im Lichtspielhaus zu sehen.

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4 Gedanken zu “Blut, Schweiß und Tränen (Whiplash, USA 2014)

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