Die Stadt – ein Kosmos (The Wire, Staffel 1-5)

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Die Petra hat eine Blogparade zum Thema „Lieblingsserien“ ausgerufen. Keine Frage, da musste ich mitmachen. Die Wahl fiel mir auch nicht schwer: The Wire. Warum wird diese Serie regelmäßig als die beste überhaupt bezeichnet? Eigentlich ist die Antwort ganz einfach. The Wire ist eine unglaublich komplexe Serie, die im Grunde eine soziologische Studie über das Wesen der Stadt darstellt – ein Gesellschaftpanoptikum. So. Ausgangspunkt ist das Polizeidezernat der Ostküsten-Metropole Baltimore. Eine Special-Force kämpft gegen den Drogenhandel in den Mustersiedlungen für Schwarze. An sich nichts besonders, aber: Der Zuschauer sieht auch die andere Seite der Medaille. Es werden auch die Geschichten der Drogenbosse, der Dealer sowie der Junkies erzählt und zwar nicht als Beiwerk, sondern als gleichwertiges Gegenüber. Gut und Böse spielen also ein ständiges Katz- und Mausspiel. Gelingt der Polizei ein Schlag gegen die Kriminalität, agiert in der nächsten Staffel das Verbrechen mit neuen Methoden. Ein Pyrrhussieg jagt den Nächsten: Ist ein Bösewicht eingesperrt, rückt ein neuer Kingpin nach. 

Vorbote der Globalisierung

Während in den meisten Serien die Welt hermetisch abgeriegelt ist, wird mit jeder weiteren Staffel von The Wire der gezeigte Kosmos größer und größer. Denn es werden verschiedene Bereiche einer Stadt aufgriffen und verarbeitet: Politik, Schule, Gewerkschaften und Medien. Doch sind Personen aus den alten Staffeln keinesfalls „tot“, sondern tauchen immer wieder mal auf. So erfährt der Zuschauer oft ganz beiläufig, was aus ihnen geworden ist, wie alte Bekannte, die man länger nicht mehr gesehen hat. The Wire hätte sich auch zu einer eindimensionalen 08/15 Polizeiserie entwickeln können, aber das Herausragende an der Serie ist: Alles hängt voneinander ab und alles greift ineinander. Jede Figur ist ein kleines Rad und beeinflusst indirekt vielen andere Rädchen. Die Serie fühlte sich für mich wie ein Vorbote der Globalisierung an, der sich auf die Grenzen der Stadt Baltimore beschränkt. Das ist manchmal nicht überschaubar, dafür wirkt das Geschehen so unglaublich realistisch, spannend und herausfordernd – wie das Leben selbst. Inspiration und Ideen holte sich Autor und Showrunner David Simons aus seiner täglichen Arbeit. Als Journalist schrieb er jahrelang für das Blatt „Baltimore Sun“ und begleitete 1988 die Kriminalpolizei auf ihren Einsätzen. Das daraus entstandene Buch „Homicide: A year on the killing streets“ wurde von der Kritik bestens bewertet und bot den Nährboden für The Wire.

Der schwarze Robin Hood: Omar Little

Aber all die Meta-Ebenen helfen wenig, wenn die Charaktere und die Dialoge nicht greifen. Erstere sind hier sehr menschlich geraten, haben Ecken, Kanten und genügend Abgründe für zwei Serien –  Gut und Böse verwischen. Ein Beispiel: Der große Liebling der Fans ist die Nebenfigur Omar Little, eine Art Robin Hood, der regelmäßig die Drogenbosse um ihre Lieferungen bringt (siehe Video!). Dazu ist er schwul und schwarz – zwei Dinge, die vor 15 Jahren in einem Atemzug noch für Taumelanfälle gesorgt haben. Viele Schauspieler konnten durch die Serie ihre Bekanntheit enorm steigern, wie der Brite Idris Elba als Drogenmanager Stringer Bell und Aiden Gillen als Bürgermeister Jimmy Carcetti, bekannt als Little Finger aus Game of Thrones. Zweitens sind die Dialoge natürlich der Knaller. Ich hab natürlich keine Ahnung, ob die Wortwechsel der Realität nahe kommen (unbedingt auf englisch samt verstehensnotwendiger Untertitel sehen), aber an Slang, Codes und Schimpfwörtern wurde nicht gespart. Man merkt einfach, David Simons kennt die Szene. Besonders eine schöne Meta-Metapher blieb mir in Erinnerung: Zwei junge Schwarze bekommen das Schachspiel (Ausschnitt auf Youtube) erklärt. Um die Regeln zu kapieren, werden Termini aus der Gangsterwelt mit den Figuren auf dem Brett verbunden: Jede Figur hat eine Aufgabe. Die Bauern/Dealer arbeiten auf der Straße und werden in der Regel schnell gesackt. Die Dame/rechte Hand hat die größte Freiheit, muss allerdings auch am meisten arbeiten. Und der König/Boss bleibt im Hintergrund. „This the king. You got the other dude’s king, you got the game.“ Und Game haben, ist schließlich das Wichtigste, was ein Schwarzer haben kann, wie ein laufendes Geschäft oder Erfolg bei Frauen. Allein wegen solcher Ideen bleibt mir The Wire unvergesslich.

Fazit: Wer Serien liebt oder sich gar als Serienjunkie bezeichnet, MUSS The Wire gesehen haben. Die Krone der seriellen Erzählschöpfung im Fernsehen. 6 (!) von 5 Sternen.

P.S: Wer tiefer in die Welt von The Wire eintauchen will, dem sei hier folgender Blog empfohlen, der jede Folge analysiert und zahlreiche Querreferenzen bietet: www.thewireblog.net

P.S.S.: Wer einen realen spannenden Fall nachverfolgen will – zufälligerweise spielt er auch in Baltimore – sei der Podcast namens Serial ans Herz gelegt. Eine Reporterin wühlt in zwölf Folgen einen alten Kriminalfall mit all seinen Irrungen und Wirrungen auf. Sehr spannend gemacht.

Weitere tolle Serien:

Orange is the new Black

Fargo

Borgen

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10 Gedanken zu “Die Stadt – ein Kosmos (The Wire, Staffel 1-5)

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