Die Depression ist ein mieser Verräter (Olive Kitteridge, USA 2014)

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Die Deutschen werfen den Amerikanern gerne vor, sie seien zu oberflächlich. Konkret: Die eigentlichen Aussagen verschwinde hinter einer Wand aus Nettigkeiten und Floskeln. Die Figur Olive Kitterigde (Francis McDormand) aus der gleichnamigen HBO Mini-Serie ist da anders – vielleicht hat sie den Deutschen zuviel gehört. Sie ist eine resolute Mathematiklehrerin, die sagt, was sie denkt – ohne Kompromisse. Hart, aber nur ein klein bisschen herzlich. Darunter leiden ihr Mann samt Sohn.  

 

Zerbrochenes Lebensglück

Eigentlich könnte alles so schön sein. Henry (Richard Jenkins), Olives Mann, ist Apotheker im US-Bundessaat Maine und das, was man einen grundguten sympathischen Mann nennt. Doch die Ehe ist im Eimer: Die Valentinskarte ihres Mannes nimmt Olive einfach nur Kenntnis und das Stück Papier landet alsbald im Müll. Aber Henry schöpft Hoffnung, denn er bekommt eine neue Angestellte als Verstärkung. Eine junge Frau, die das komplette Gegenteil von Olive darstellt: süß und naiv. Henry hegt alsbald Gefühle für sie. Eine Sache für die seine Frau Olive nur spöttische Verachtung übrig hat. Schließlich ist sie selbst in einen Kollegen an ihrer Schule verliebt. Doch durch einen tödlichen Autounfall ihres Geliebten, verstirbt auch ihre Hoffnung auf das Lebensglück. Und so bleiben Olive und Henry zusammen, der seine Bemühungen auf seine Mitarbeiterin eingestellt hat. Zeitsprung: Zehn Jahre später trifft Olive zufälligerweise einen ehemaligen Schüler am Hafen, der gerade im Begriff war, sich mit einer Flinte umzubringen. Plötzlich sehen sie, wie der Wind eine junge Frau ins Meer trägt. Der junge Mann springt auf Betreiben seiner Lehrerin aus und rettet die Frau. Dieses Erlebnis bringt den armen Kerl völlig durcheinander, weil er ja mit einer anderen Absicht den Tag begonnen hat: Sich sein Leben nehmen und nun hat er eins gegeben. Und es zeigt, dass Olive schon einen guten Kern hat. Ohne ihr Zutun wäre die Frau ertrunken. Leider ist dieses Mitfühlende sehr tief in ihr versteckt, bzw. sie kann es gegenüber anderen Menschen nicht zeigen. Ihre Cousine bringt es in einem anderen Kontext auf den Punkt, der aber wie die Faust aufs Auge für Olive passt: „You can’t win. Even if you do your best.“ Sie passt einfach nicht in ihr Umfeld, worunter sie leidet.

Lebensthema Beziehungen

Wie ein roter Faden zieht sich die Krankheit „Depression“ durch die vierteilige Miniserie, deren Geschichte sich über einen Zeitraum von 25 Jahren umspannt. Olive sagt ihrem 13-Jährigen Sohn beiläufig, dass die Depression in der Familie liege. Mehrere Personen leiden im Verlauf der Serie darunter und gehen unterschiedlich damit um. Der erwachsene Sohn begibt sich dann Jahre später in Behandlung, um die Fehler seiner Mutter bei seiner Erziehung sein restliches Leben lang auszubügeln. Olive und Henry dagegen leben nebeneinander her. Ein Zitat, das ich neulich in Stephan Tomés Buch Gegenspiel gelesen habe, passt darauf ganz gut: „Gemeinsame Lebenslügen sind komplizierte Gebilde, aber das zugrundeliegende Prinzip ist simpel: Einer will nicht hören, was der andere sich nicht zu sagen traut.“ Doch einmal kommt für die Beiden der Punkt, an dem alles zur Sprache kommt. Wie zwei Erwachsene schweigen sie danach die Sache tot und ziehen keine Konsequenzen daraus – wie in der Realität. Wieviele Ehen werden auf diese Weise geführt? Die Serie hat mich einmal mehr über das Dauerthema Beziehungen nachdenken lassen und wie Zeit die Perspektive auf Dinge und Wahrnehmung ändert. Ziemlich bitter, ziemlich gut. Aber: Es hat mich auch ziemlich runtergezogen.

Bill Murray spielt Bill Murray

Olive Kitterigde basiert auf einer gleichnamigen Kurzgeschichtensammlung. Die Autorin Elisabeth Strout schrieb eine zusammenhängende, aber nicht chronologische Beobachtungen und kleine Geschichten, wofür sie 2008 den Pulitzerpreis gewann. Die Rechte an dem Buch schnappte sich Schauspielerin Francis McDormand und fungierte für das Projekt damit auch als Produzentin. Für die Regie verpflichtete sie Lisa Cholodenko (The Kids are alright). Eine gute Wahl, denn sie dirigiert die Beziehungen zwischen den Protagonisten mit Blicken und Gesten. Sehr feinfühlig, was gerade beim Thema Depression passend ist. Abgerundet wird diese eindrucksvolle Serie durch die Schauspieler: Francis McDormand dürfte mit Olive Kitterigde die Rolle ihres Lebens gespielt haben. Aber auch der restliche Cast steht ihr nichts nach. Bill Murray spielt eine kleine, aber wichtige Nebenrolle – trotz anderen Namens, spielt er sich selbst. Die Mühen haben sich gelohnt, denn die Serie wurde sogar für die Golden Globes nominiert – ging dort aber leer aus.

Fazit: Olive Kitterigde ist ein sehr starkes Drama, das ein langsames Erzähltempo an den Tag legt und sich dafür voll und ganz auf die sehenswerten Charaktere konzentriert. Die Thematik der Depression ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Aber eine Serie, die bei mir lange nachgewirkt hat. 4,5 von 5 Sternen.

Weitere interessante Serien:

Orange is the new Black

Fargo

Masters of Sex

 

 

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4 Gedanken zu “Die Depression ist ein mieser Verräter (Olive Kitteridge, USA 2014)

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