Im Sündenpfuhl (Calvary, Irland 2014)

 

©Reprisal Films

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In sieben Tagen bist du tot. Im Beichtstuhl von Father James Lavelle sitzt ein Gemeindemitglied und kündigt dessen Ermordung an, und zwar unten am Strand. Warum? Lavelle solle für die Taten eines verstorbenen Pfarrers büßen, der den Beichtling als Kind missbraucht hat. Die Begründung: Um ein Exempel zu statuieren, mache es sich besser, einen guten Priester zu ermorden. Bei einem schlechten Priester würde die Aufmerksamkeit für die Tat wesentlich geringer ausfallen. Was macht man in so einem Fall? Zur Polizei gehen? 

Schuld und schräge Vögel

Wer der Täter im Film Calvary sein könnte, weiß nur Father Lavelle allein. Er hat ihn an der Stimme erkannt. Aber er entscheidet sich erstmal abzuwarten und seiner Arbeit nachzugehen: der Seelsorge. Im Laufe dieser besagten Woche trifft er ein Sammelsurium an schrägen Vögeln seiner sündigen Gemeinde. Der sexuell frustrierte junge Mann, der mit Selbstmord kokettiert oder zur Armee geht. Ein gehörnter Metzger, der froh ist, dass seine Frau fremd geht. Er könne sie nicht mehr aushalten, denn sie sei entweder bipolar oder laktose-intolerant, jedenfalls eins von beiden. Oder ein reicher Banker sieht im Leben keinen Sinn, weil ihm nichts und niemand je etwas bedeutet hat. Lavelle kümmert sich um seine Schäfchen mit einer Engelsgeduld, kann eine Witwe trösten und einem Mann Hoffnung spenden. Doch die Meisten begegnen ihm ziemlich abweisend. Gerade weil Lavelle sehr tugendhaft wirkt, strahlt das Selbstmitleid und die eigene Fehlbarkeit seiner Schäfchen besonders deutlich. Um sich zu wehren, werfen sie Lavelle immer wieder vor, dass gerade die Kirche an ihren moralischen Standards gescheitert sei. Er möge ihnen doch nicht kluge Ratschläge geben oder sie belehren. Besonders deutlich wird die Aversion gegen die Kirche, als Lavelle sich mit einem jungen Mädchen die Straße entlangläuft und sich unterhält. Mit quietschenden Reifen fährt ein Vater heran, sammelt seine Tochter ein und raunzt den Pfarrer an, was ihm denn einfalle. Die Reaktion überrascht nicht, ist das Verhältnis zwischen den Iren und der katholischen Kirche stark belastet. Die Frage, was der Sinn von Religion ist, schwebt durch den Film. Einer Antwort muss sich Lavelle stellen, als er sich mit seiner aus Dublin angereisten Tochter auseinandersetzt. Sie hatte kürzlich erst einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Mehr Probleme auf einmal sind kaum möglich. Der Titel Calvary, zu deutsch Golgotha, der auf das persönliche Martyrium des Pfarrers anspielt, ist treffend gewählt.

Schöne Bildsprache

Regisseur und Autor John Michael McDonagh, bekannt für The Guard, hat einen sehr vergnüglichen Film geschaffen, obwohl die Thematik alles andere als lustig ist. Gleichzeitig ist der Film sehr tiefsinnig, problematisiert Schuld, Vergeben und Versagen. McDonagh setzt auf ungewöhnlichen Dialogen, irren Typen und einen Krimiplot a la „Wer wird mein Mörder“ sein? Illustriert wird die Szenerie durch grandiose Naturaufnahmen, die mit dem rauhen Seeklima und beeindruckenden Felsformationen passende Metaphern für die Geschichte liefern. Schöne Schauspielleistungen runden das Bild ab, allen voran natürlich Brendon Gleeson als Father Lavelle. Aber auch die Nebenrollen mit Chris O’Dowd, Kelly Reilly oder Aiden Gillen, besser bekannt als „Little Finger“ in der Serie Game of Thrones, können überzeugen.

Fazit: Calvary ist beileibe kein Leichtgewicht von einem Film. Er schafft allerdings eine schöne Gratwanderung zwischen überspitzter Komödie und tiefsinnigem Drama. 4 von 5 Sternen.

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2 Gedanken zu “Im Sündenpfuhl (Calvary, Irland 2014)

  1. Über den Film habe ich auch schon viel Gutes gehört, jedoch ist es einer dieser typischen Fälle, bei denen mich der Film einfach nicht reizt, obwohl er mir bestimmt gefallen würde. Sehr seltsam…

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    • Kann ich auf sehr gut nachvollziehen. Liegt wahrscheinlich auch am Thema, das wirklich nicht für einen Popcorn-Abend mit der Freundin geeignet ist. Und nicht immer ist man in Stimmung für solch einen Film. Manchmal muss es aber ein bisschen weh tun, damit die Wohlfühlblase zumindest ein bisschen angestochen wird. Solltest du doch mal langweilen – ich weiß, das ist bei dir im Moment eher unwahrscheinlich – es lohnt sich!

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