Bauch 6 – Hirn 0 (Wild Tales, Argentinien 2014)

©Corner Producciones

©Corner Producciones

Dieses Gefühl kennt jeder: Es widerfährt einem eine Ungerechtigkeit und man steckt aus moralischen und sozialen Gründen zurück. Jede Szene will vermieden werden, bei der man sein Gesicht verliert. Der Mund bleibt geschlossen. In Gedanken dagegen drangsaliert man sein Gegenüber bis zum Exzess. Ein erhöhter Puls, die Wut im Bauch, doch der Schlag in die Magengrube bleibt aus.  Genau da setzt der argentinische Film Wild Tales an. Lasst den Gedanken Taten folgen und zwar gewalttätige! Warum sollte man die täglichen kleinen Zurückweisungen einfach hinnehmen und alles runterschlucken? In der Filmgeschichte gab es schon den berühmten Ausruf, „I’m mad as hell and I’m not gonna take this anymore“, doch spielte kaum ein Streifen perfide und absurde Phantasien so konsequent und wunderbar zu Ende wie Wild Tales.

Die Sehnsucht nach der Katharsis

©Corner Producciones

©Corner Producciones

In sechs Episoden erzählt der Film vom täglichen Wahnsinn des Lebens – von zu unrecht abgeschleppten Autos, Rache mit Rattengift, einer eskalierenden Hochzeit, einem besonderen Flug mit 9/11 Feeling, einem aberwitzigen Duell in der Pampa und die Vertuschung eines Mordes. Ein Beispiel: In der zweiten Geschichte bedient eine Kellnerin einen Gast, der ihren Vater in den Selbstmord trieb und danach ihre Mutter bedrängte. Die befreundete Köchin rät der Kellerin, sich zu rächen: Rattengift im Essen würde keiner merken, zumal in Argentinien keine Autopsien durchgeführt werden. Man werde es einfach auf das Cholesterin schieben. Der Kellerin hadert mit sich, ob sie die günstige Gelegenheit nutzen soll oder nicht. Die Köchin drängt: Solche Leute gehören ausgerottet, die für soviel Unglück verantwortlich sind. Der Film nimmt den braven Bürger sehr ernst, der eigentlich nur seine Ruhe haben will, aber von Staat oder asozialen Mitbürgern gepiesackt wird. Er sinnt auf Rache und Selbstjustiz durch Gewalt, denn nur so wird ihm Gerechtigkeit widerfahren. Die Katharsis genießen die Figuren im Film, wie die Zuschauer im Kinosaal. Nach diesem Gefühl dürsten. Denn: das Land wird gerade von einer Wirtschaftskrise durchgeschüttelt und kämpft mit einem instabilen Staat. Der Film avancierte zum größten Hit des Jahres. Wild Tales ist auch in vielen anderen Ländern sehr erfolgreich, weil der Film perfekt den Zeitgeist einfängt. Dieses Gefühl, nicht eine bloße Marionette seiner Umwelt zu sein, sondern sich wehren zu können, ist aktueller denn je. Insofern ist gar nicht verwunderlich, dass er sogar für den Auslandsoscar nominiert ist.

Filmland Argentinien

©Corner Producciones

©Corner Producciones

Doch unabhängig von den politischen Irrungen macht es einfach sehr viel Spaß dem Film folgen, obwohl einem das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt. Krasse Wendungen und makaberer Humor stehen an der Tagesordnung. Die Episoden behandeln unterschiedlichste Situationen und gesellschaftliche Schichten, thematisch sind sie alle miteinander verbunden. Manche Geschichten sind etwas vorhersehbarer, andere dagegen bleiben bis zum letzten Bild spannend. Regisseur und Autor des Film Damián Szifrón kamen die Geschichten über die Jahre nach und nach zugeflogen, wie er in einem Interview erzählt: “I was driving along the road and would get into an argument with a guy, and would get all tense, and quickly from there, I’d start imagining something. And I’d stop the car in the middle of the road to write a story, which would then become a tale.” Szifrón, der bislang zwei Filme und einige Fernsehserien verantwortete, hat mit Wild Tales seinen großen Durchbruch geschafft. Überhaupt finde ich es spannend, dass aus dem südamerikanischen Land es regelmäßig Filme über die Landesgrenzen hinausschaffen (mein Komödientipp: The nine Queens aus dem Jahr 2000). Der größte Erfolg der letzten Jahren war auch eine ziemliche drastische Geschichte: The secret in their eyes. Der Film gewann 2010 den Oscar für den besten ausländischen Film. Wer weiß, vielleicht folgt ihm Wild Tales ja nach.

Fazit: Ein irrer Film, der in kleinen und krassen Geschichten von der Rache des Einzelnen an seinem Umfeld erzählt. Eine schöne Idee, solche Gedanken, die wohl jeder schon mal hatte, bis an die Grenzen auszuleben. Ich hatte einen Heidenspaß. 4,5 von 5 Sternen.

 

 

Advertisements

5 Gedanken zu “Bauch 6 – Hirn 0 (Wild Tales, Argentinien 2014)

  1. Pingback: Relatos salvajes – Wild Tales – Jeder dreht mal durch | Una sueca en Buenos Aires

  2. Hallo Sebastian! Ich schreibe einen blog über Argentinien (bin noch bluuutige Anfängerin, sowohl in Argentinien als auch in der Blogwelt), würde aber gerne auch zunehmend „Kulturelles“ zum Thema anfangen zu posten… Meinst du ich darf deinen Beitrag zu Wild Tales als link auf meinem blog posten?

    The nine queens muss ich noch sehen – habe gerade gestern auch von jemandem hier gehört er sei gut! Mein Tip: Infancia Clandestina von 2012;-)

    Gefällt mir

Gib einen Kommentar ab!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s