Ehe-Jenga (Roman: David Nicholls – Drei auf Reisen)

@Kein & Aber Verlag

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„Die Ehe hat scharfe Zähne“, „Ehe – errare humanum est“, „Selbst eine gute Ehe ist Bußzeit“ – so hätte man die Reihe an bösartigen Aphorismen zu diesem Thema endlos weiterführen können. David Nicolls beschränkt sich in seinem Roman Drei auf Reisen nicht auf einen dürren bissigen Satz, sondern zeigt dieses Lieben und Streiten einer Beziehung auf gut 500 Seiten: Den Mittfünfziger Douglas Petersen trifft aus heiterem Himmel ein Damoklesschwert. Seine Frau Connie will sich von ihm scheiden lassen, was für ihn eine Katastrophe ist.

Gegensätze ziehen sich an?

Obwohl das Schwert seit dem Beginn über ihrer Beziehung schwebte, schlägt es erst nach 25 Ehejahren zu. Dennoch bricht die Familie noch zu einer Grand Tour durch Westeuropa auf, damit ihr einziger Sohn Albie die Kultur des Kontinents kennen lernt. So wie es für Söhne reicher Adeliger früher üblich war. Auf der Reise versucht Douglas seine Frau zurückzugewinnen und einen besseren Zugang zu Albie zu bekommen. Die Beiden haben sich entfremdet. Die Geschichte wird aus der Sicht der sympathischen Hauptfigur Douglas Peterson erzählt, wie sich die Tour mit Höhen und Tiefen entwickelt. Zwischendurch blickt er immer wieder auf seine Ehe zurück, bzw. wie sich Connie und er ineinander verliebt haben. Sie haben sich auf einer Party kennengelernt. Zwei Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Er ist das Klischee eines Naturwissenschaftlers. Nüchtern, bieder, konservativ und in kommunikativ-sozialen Belangen eher unbeholfen. Seine zukünftige Frau ist das komplette Gegenteil: eine Künstlerin, die wilde Partys feiert, Drogen konsumiert und Hinz und Kunz der Londoner Kunstwelt kennt. Douglas kennt dagegen nur seine Arbeit und sein Appartement. Warum sich Connie damals für Douglas entschieden hat? Sie war auf der Suche nach Stabilität in ihrem Leben. Der Eigenbrötler liebt seine Frau abgöttisch, während Connie seine Liebe nicht so euphorisch erwidert. Schillers Spruch, „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“, haben Douglas und Connie in ihrer Anfangseuphorie ihrer Beziehung nicht wirklich befolgt. Andererseits: Die Ehe hat bis dato 25 Jahre gehalten – in Deutschland beträgt die durchschnittliche Dauer der geschiedenen Ehen 14 Jahre und 8 Monate. Douglas sinniert: „Aus heutiger Sicht kann ich Ihnen sagen: Die Ehe ist keine Ebene. Ganz und gar nicht. Sie ist voller tiefer Schluchten, riesiger gezackter Felsen und verborgener Gletscherspalten, sodass sich beide in der undurchdringlichen Dunkelheit nur tastend zurechtfinden.“ Meine Metapher bezieht sich auf die Überschrift Ehe-Jenga): Zu Anfang einer Ehe hat man sich ein starkes Fundament gebaut. Je länger die Ehe dauert, desto mehr nagt die Zeit am gebauten Fundament. Es wird sich zeigen, ob der Beziehungsturm möglichst lange hält oder doch schneller zusammenbricht, als einem lieb ist.

Fällt der Apfel weit vom Stamm

Der Leser bekommt eine Ehe auf dem Goldtablett präsentiert: die Probleme, die Freuden und die Herausforderungen, wie zum Beispiel die Todgeburt der Tochter bzw. die Erziehung des Sohnes. Trotz des ernsten Themas wird die gesamte Geschichte in einem lockeren und witzigen Ton erzählt. Wer den britischen lakonischen Humor liebt, wird voll auf seine Kosten kommen. Auch vor offensichtlichen Witzen auf der Tour macht Nicholls nicht halt. So bucht der pedantische Douglas aus Versehen für seine Familie in Amsterdam ein Sexhotel. Er besteht trotzig darauf, dass es als Boutique-Hotel im Internet angegeben war. Auf dem Silbertablett geht es um die brüchige Beziehung von Douglas zu seinem Sohn, die er zu kitten versucht. Reumütig gesteht er, dass er einige Fehler in der Erziehung gemacht hat: Aufgrund seiner Arbeit hatte er zuwenig Zeit für den Sohn gehabt sowie perfektionistische Maßstäbe an den Nachwuchs anlegt. Mich erinnerte die Konstellation an die aktuelle gesellschaftspolitische Diskussion: weniger Arbeiten, mehr Zeit für Freunde und Familie. Ich hoffe inständig, es bei meinen eigenen Kindern besser zu machen.

Fazit: David Nicholls erzählt eine kurzweilige Geschichte über Ehe und Erziehung, die eine schöne Balance zwischen dramatisch und witzig findet. Das Buch hat mich zum Nachdenken gebracht. 4 von 5 Sternen.

 P.S: Ein Ehrenrettungszitat für die Ehe: „Die Ehe ist Beginn und Höhepunkt der Zivilisation.“ (Goethe)

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