Gangster und Gendarm (Peaky Blinders, Staffel 1)

©Caryn Mandabach Productions

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Ein Auftritt für einen König: Ein Reiter auf einem schwarzen stolzen Hengst trabt gemächlich eine Straße entlang. Der Boden ist matschig, die Häuser schwarz vom Ruß der Fabriken und der Himmel grau. Die Leute weichen erschrocken zurück. Ein chinesisches Mädchen kommt auf den Reiter zu. „Ob sie das Mädchen sei, das die Zukunft vorhersagen kann?“ Er wirft ihr ein Geldstück zu und sie „verzaubert“ öffentlichkeitswirksam das Pferd. Es soll das nächste Rennen auf dem Pferderennbahn gewinnen. Im Birmingham des Jahres 1919 glauben die Leute noch an solche Märchen und setzen ihr Geld bei der Pferderennbahn auf jenen Hengst, der dann verlieren wird. Nutznießer dieser kleinen Farce ist der Reiter: Thomas Shelby, der gefürchtete Kopf der Straßengang Peaky Blinders, die Pferdewetten manipuliert.

Nachwirkungen des 1. Weltkriegs

Die BBC-Serie Peaky Blinders basiert auf historischen Vorbildern in Birmingham. Allerdings mit dem Unterschied, dass in der Realität die Gang aus Jugendlichen bestanden und in der Serie gestandene Männer auftreten. Der Name Peaky Blinders deutet auf eine besondere Eigenart hin: Als Markenzeichen haben die Mitglieder der Gang an die Vorderseite Ihrer Kappen Rasierklingen angeheftet. Im Kampf haben sie so eine schnelle Waffe für schmerzhafte Schnitte parat. Und Kämpfe sind in der Serie nicht zu vermeiden. Nicht, wenn man die Einnahmen der Pferderennen abgreifen will. So kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Banden, um die Vorherrschaft beim Glücksspiel. Kampferprobt sind die Männer. Als Überlebende des 1. Weltkriegs haben sie viel Leid, viel Blut und mehrmals dem Tod ins Auge geblickt. Auch ein Jahr nach dem Sieg über Deutschland haben die Menschen in der Industriestadt Birmingham die Auswirkungen der Material- und Menschenschlachten noch nicht verwunden. Die ehemaligen Soldaten leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen, die Furcht vor der IRA aus Irland in der Bevölkerung ist groß und die Kommunisten wollen die unsichere Lage im Land zur Revolution nutzen. Plötzlich ist auch noch eine wichtige Waffenladung der hiesigen Fabrik verschwunden, die zufällig Thomas Shelby in die Hände fällt – ein teures Pfand. Und jede Partei könnte Maschinengewehre und Schießeisen samt Munition bestens gebrauchen. Chancellor Churchill beordert den Polizeichef von Belfast, Chester Campbell, in die mittelenglische Stadt, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

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©Caryn Mandabach Productions

Gitarrenriffs von Jack White

Was mir an der Serie gut gefallen hat, war die Figur von Thomas Shelby, gespielt von Cillian Murphy. Er wirkt wie ein Pokerspieler, der selbst in den brenzligsten Verhandlungssituationen keine Miene verzieht. Mit seinen blauen blassen Augen bleibt er cool wie eine Sphinx. Eine Eigenart, die ihn die vier harten Jahre in Frankreich gelehrt haben. Seine Tante Polly, der weibliche toughe Part im Shelby-Clan, sagt über Thomas: „Vor dem Krieg hat er mehr gelacht. Sein Gegenspieler Campbell wird von Sam O’Neil (Jurassic Park) verkörpert, der für die Rolle den irischen Akzent lernen musste. Sicher keine leichte Aufgabe. Um sich diesen harten und etwas dreckigen Akzent einzuverleiben, half ihm übrigens der irische Schauspieler Liam Neeson. Die sechs Episoden der ersten Staffel hab ich im englischen Original gesehen, aber mit Untertiteln, was ich dringend empfehlen würde. Denn: Der Birmingham-Dialekt heißt „Brummie“ und genauso wie das Wort vermuten lässt, klingt er auch. Freunde des englischen Sprachidioms werden also voll auf ihre Kosten kommen. Interessant ist auch der Gebrauch von Rockmusik: Knackige Gitarrenriffs und Lieder von Jack White, Tom Waits oder Nick Cave sind immer mal wieder zu hören. Manchmal passt es wie die Faust aufs Auge, manchmal wirkt es ein bisschen aufgesetzt. In den letzten Folgen wird die Musik dosierter eingesetzt, was die Stimmung besser trifft. Sehr schön war auch die Kamera-Arbeit der Serie, die einige sehr schöne Momente eingefangen hat. Der einzige Kritikpunkt, der mich wirklich störte: Die Geschichte braucht etwas, um in Fahrt zu kommen. Aber wer durchhält, wird belohnt.

Vorbild Boardwalk Empire?

Der Schreiber der Serie, Steven Knight, der auch für den tollen Film Locke verantwortlich war, hat mit Peaky Blinders ganze Arbeit geleistet. Manche Kritiker unterstellen der Serie, sie sei lediglich der englische Abklatsch des amerikanischen Hits Boardwalk Empire. Setting und Thematik ähneln sich stark. (Das US-Pendant hab ich nicht gesehen, weswegen zu diesem Vorwurf nichts sagen kann.) Knight wurde gefragt, ob er denn Boardwalk Empire gesehen habe. Er verneinte. Überhaupt habe er all die Serien wie The Wire und Konsorten nicht gesehen. „It’s sort of deliberate in that I don’t really want to be looking at other people’s work because it does affect what you do inevitably.“ Tja, manchmal scheint Wissen die Kreativität geradezu einzuschränken. Dazu fällt mir ein: Angeblich würden die großen US-Sender keine Ideen/Einsendungen von Fernsehzuschauern für neue Formate überhaupt nur lesen. Grund: Sie wollen sich dem Vorwurf nicht aussetzen lassen, sie hätten eventuell eine Idee geklaut. Vielleicht verfolgt Herr Knight ja genau dieselbe Strategie, kommt aber zum selben Ergebnis!

Fazit: Peaky Blinders ist gut gemachte Serienkost, die mit tollen Schauspielern und einem interessanten Setting aufwartet. Dass die erste Staffel mal nur sechs Folgen hat, empfinde ich als sehr angenehm. 4 von 5 Sternen.

P.S.: Ab 12. März läuft die erste Staffel auf Arte.

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7 Gedanken zu “Gangster und Gendarm (Peaky Blinders, Staffel 1)

  1. Klingt spannend! Danke für den Tipp. Speziell der Nicht-Vergleich zu „Boardwalk Empire“ macht mich neugierig, da ich die Serie ja großartig finde. Zudem nur 6 Folgen? Na, das wäre doch was! 🙂

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