Mosaik für einen Größenwahnsinnigen (Get on up, USA 2014)

Imagine Entertainment

©Imagine Entertainment

„I feeeeelll good...“ Diese heiser geschriene Songzeile schafft es jedes Mal, mir eine Gänsehaut auf den Körper zu zaubern. Wenn mich jemand fragt, welche Musik ich mag, sag ich Funk. Denn es ist die Basis für all die neu aufgekommenen Musikgenres der letzten 30 Jahre: Disco, Hiphop oder elektronische Musik sind ohne Funk nicht denkbar. Das ist der Rhythmus, wo ich mit muss. Darum war ich mehr als gespannt, als ich das Biopic GET ON UP über den „Godfather of Soul“ respektive “ The Minister of New New Super Funk“(sic!) James Brown zu sehen bekam.

 

Papa’s got a Brand new bag

James Brown ist unruhig: seine Toilette wurde von einer Person benutzt, die nicht er war. In seinem Geschäftshaus findet gerade eine Versicherungsveranstaltung. Ein Gast hat sich erdreistet, sein Häufchen in seinem WC zu vollbringen. Ausgerüstet mit einer Pumpgun verhört Brown in einem grünen Jogginganzug die Anwesenden. Ein Schuss löst sich, Loch in der Decke. Cut. Die Szene wird später im Film aufgelöst: Er wird von mehreren Polizeiwagen verfolgt und schließlich umstellt. Doch aus dem Wagen tritt nicht der 55-jährige James Brown, sondern sein 9-jähriges Selbst. Der Film schaut oftmals zurück auf Browns Kindheit, um seinen unglaublichen Lebenslauf zu begründen, wie er wurde, wie er war. Sein Vater ein Trinker, der die Mutter und den Sohn schlug. Die Mutter verlässt die Familie und schlägt sich als Prostituierte durch. Der Vater geht zur Army und lässt den Sohn bei einer Puffmutter zurück, die ihn schließlich aufzieht. Diese Erfahrungen prägen den jungen Brown: Er kann sich auf niemanden verlassen, weil er allein gelassen wurde. Er muss kämpfen, immerzu kämpfen – sein ganzes Leben lang. Und damit hat er unfreiwillig die besten Voraussetzungen, eine beispiellose Karriere zu beginnen.

Money won’t change you

Aus einem Gospelchor heraus entwickelt Brown schnell einen ganz eigenen Stil, der die damaligen musikalischen Grenzen sprengt: den Funk. Die Zutaten sind eine sich wiederholende Grundrhytmik, synkopische Basslinen, Bläser, Rhytmusgitarre, Soul Gesang und vor allem James Brown selbst. Wie ein tanzender Irrwisch fegt er über die Bühne, wirbelt mit seinen Beinen über die Bühne, hüpft ohne Anstrengung in den Spagat und leidet leidenschaftlich im Gesang. Kein Wunder, dass die weißen  Zeitgenossen ein bisschen Angst vor diesem puren Bündel Energie hatten, während er für Afro-Amerikaner ein leuchtendes Vorbild war. Brown nimmt die Schwingungen der damaligen Zeit auf und singt „Say it loud – I’m black and I’m proud“. Kaum ein schwarzer Künstler hat für das Selbstbewusstsein der schwarzen Jugend in den USA mehr geleistet. Demgegenüber steht eine ausgeprägte Hybris. Auf die Frage einer Reporterin, wie er seinen Musikstil beschreiben würde, antwortet er selbstbewusst: „Ich nenn sie James-Brown-Musik, weil sie ihrer Zeit soweit voraus ist. Dafür gibts noch keinen Namen.“ Nicht nur musikalisch geht Brown neue Wege: Er nimmt auch die Vermarktung seiner Konzerte in die eigenen Hände, was ihm sehr viel Geld beschert. Zwischenzeitlich hat er Plattenlabel, Radiostationen und einen eigenen Jet, aber auch jede Menge Steuerschulden. Die Geldsorgen bringen ihm bald Ärger mit seiner Band ein, weil er die Musiker nicht mehr bezahlt.

It’s a Man’s world

Wie alles hat im Leben hat es einen Preis. Das Biopic verschweigt auch nicht die dunklen Seiten dieses Ausnahmekünstlers. Er hat einen großen Affärenverschleiß – der berühmte Song „Sexmachine“ kam nicht von ungefähr – und ehelichte vier Frauen, die er des öfteren schlug. Sein Perfektionismus trieb die Musiker seiner Band in den Wahnsinn, bzw. sorgte für Reibereien und notgedrungene Umbesetzungen. Später im Film wird Brown mal sagen: „I paid the costs to be the Boss“. Regisseur Tate Taylor, der schon verantwortlich für das Drama „The Help“ war, wollte Brown in vielen Facetten zeigen. Das ist ihm auch gelungen. Wichtig schien ihm, keine lineare Erzählung abzuspulen. Eben nicht von den Anfängen bis zu den größten Erfolgen chronologisch zu erzählen, bei denen dann ins Bild springende Zeitungsschlagzeilen neue Rekorde oder Meilensteine verkünden – wie es so typisch für das Genre Biopic ist. Stattdessen mischt er Szenen aus allen Altersabschnitten durcheinander. Der Zuschauer bekommt so einen tollen mosaikartigen Querschnitt durch Browns Biographie – auch wenn er vieles nur streifen kann. Doch würde dieser Einfall einfach verpuffen, wenn der Hauptdarsteller eine Niete wäre. Chadwick Boseman spielt James Brown ganz großartig – diese heisere Timbre in Browns Stimme bringt er exakt auf den Punkt. Bei den im Film angespielten Liedern dachte mir, wow, singt er das wirklich selbst? Ja! Auch die Tanzeinlagen stehen denen des Godfathers of Soul in nichts nach – eine Energieleistung sondersgleichen. Dank Boswicks überragender Darstellung reißt der Film mit, sorgt aber auch dramatische Momente, in denen er zeigt, was für ein einsamer Wolf James Brown war.  … So good, so good, ‚cause I got you.

Fazit: Get on up ist ein gelungenes Biopic über den Soulbrother James Brown, das auch die Genese und das Herz des Funk sehr schön einfängt. Hauptdarsteller Chadman Bosewick sollte für seine Leistung eine Oscar-Nominierung bekommen. Nach der Sichtung tanzte ich den Mashed-Potato im Badezimmer. I feel good…. 4 von 5 Sternen.

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6 Gedanken zu “Mosaik für einen Größenwahnsinnigen (Get on up, USA 2014)

  1. Pingback: Blut, Schweiß und Tränen (Whiplash, USA 2014) | ZIRKUSMANEGE

  2. Eine tolle Filmbesprechung! Ich stimme mit dir voll überein, bei mir hat der Film ähnlich gut abgeschnitten. Und wirklich schade, dass er es nicht auch in die kommerziellen Kinos geschafft hat. Da hat die Welt was verpasst. Vielleicht bekommt Chadwick Boseman sogar ’ne Nominierung. Wir dürfen gespannt sein, am Donnerstag wir ja, glaube ich, die Liste veröffentlicht. 🙂

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  3. Ohh, du machst mir richtig Lust auf den Film! Ich liebe nämlich auch den Funk; kaum eine Musik fährt mir so in die Beine! Hab ich total verpasst, dass der schon in D angelaufen war. Darf eben doch nicht ausschließlich ins Cinema-Programm schaun…

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    • Freut mich! Der Film lief im Oktober in Deutschland. Ich kann ihn nur empfehlen – der Sound ist einfach der Knaller. Und Chadwick Boseman tanzt und springt, wie der olle James Brown. Ein Vergnügen.Fürs Cinema war „Get on up“ wahrscheinlich nicht kommerziell genug – leider.

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