Zwei Professoren, zwei Leben

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Zwei Bücher, die ein sehr ähnliches Coverbild haben. Die Silhouette eines Manns, der einmal in die Sonne blickt und einmal aus einer Halle heraustritt. Männer und Eigenbrötler, die vor großen Aufgaben stehen. So unterschiedlich die Bücher sind, die Hauptfiguren haben denselben Beruf: Professor. Sie haben einige Gemeinsamkeiten, aber andere als man denkt. Ein Vergleich.

Ich hab die beiden Bücher zufälligerweise nacheinander gelesen und mir sind einige Parallelen aufgefallen. Mein Hauptaugenmerk der Kritiken liegt auf den jeweiligen Protagonisten, um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten deutlich zu machen.

„Solar“ von Ian McEwan

„Wer bis zum 30. Lebensjahr keinen bedeutenden Beitrag zur Wissenschaft geleistet hat, wird es nie mehr tun“, soll Albert Einstein gesagt haben. „Ein Physiker ist mit 30 faktisch tot.“ Genauso ergeht es  Michael Beard, der Hauptfigur in Ian McEwans Buch Solar, in geistiger Hinsicht. In jungen Jahren hat er ein bedeutendes Theorem entwickelt und ist dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Seither ist der  Professor als Chef eines kleinen Instituts, Berater, Aufsichtsratsmitglied oder Fundraiser angestellt. Er hat in den vergangenen 20 Jahren für die Wissenschaft nicht mehr relevantes zu Stande gebracht. In körperlicher Hinsicht ist er dagegen sehr aktiv. Seine fünfte Ehefrau Patrice lässt sich von ihm scheiden, nachdem sie von seinen notorischen Schürzenjägereien erfahren hat. Obwohl Beard als klein und dick beschrieben wird, bringt er dank seines amourösen Jagdinstinkts regelmäßig weibliches Freiwild zur Strecke. Aus Rache nimmt sich Patrice einen Assistenten Beards als Liebhaber. Bei einer Aussprache zwischen Beard und dem Assistenten kommt es zu einem Unfall. Der Assistent stirbt und Beard werden dessen Notizen vermacht, die die Lösung für den Klimawandels bedeuten. Der etwas abgehalfterte Nobelpreisträger ist wieder im Geschäft.

Ein kurzes Interview mit Ian McEwan über die Hintergründe zum Buch:

Ein Anti-Held

Der Fokus des Buches liegt weniger auf der Handlung, als vielmehr auf dem neurotischen Physiker Michael Beard. Ein Anti-Held, der sich durch sein Leben wurschtelt. Seine Unsicherheit kompensiert er durch sehr viel Essen (Dieses Gebaren erinnert mich stark an Leon de Winters – Hoffmans Hunger). Autor McEwan bedeint sich gern einer Prise Slapstick: Vor einem Vortrag über den Klimawandel futtert er sich schnell durch das ganze Buffet. Sein Magen rumort mächtig, während er vor 200 Leuten spricht, die Peinlichkeit des sich Übergebens vor Augen. Er kämpft mit sich, hält den Redefluss konstant hoch, um seinen Körper abzulenken, und dann geht es alles nochmal gut aus. McEwan schafft es, Beard sympathisch und gleichzeitig abstoßend darzustellen. Ein Kunststück, das selten gelingt. Beard gleicht einem Kind, das die vor sich liegende Schokolade sofort in den Mund nehmen muss. Sie könnte ihm ja weggenommen werden. Der Nobelpreisträger ist ein moralisch zweifelhafter Mann ohne Reue, der sich ohne Skrupel mit unverdienten Lorbeeren schmückt. Das ist mit anderen Worten: menschlich. Er macht in seiner Liederlichkeit einfach weiter und meint alles unter Kontrolle zu haben, schafft es aber nie, im richtigen Moment Kompromisse einzugehen – seine Egomanie lässt das nicht zu. Die Folgen für ihn sind in der Regel bitter – der Lerneffekt tendiert gegen Null. McEwan hat einen wirklichkeitssatten Schelmenroman geschrieben, in dem der Leser en passant einiges über die Naturwissenschaften und den Klimawandel erfährt. Seine Hauptzutaten sind viel Ironie und schwarzer Humor. Die im Plauderton vorgetragene und stark recherchierte Geschichte liest sich ganz wunderbar.

„Stoner“ von John Williams

Eine völlig andere Stimmung schlägt das Buch Stoner an. Es stellt einen Lebensbericht dar. William Stoner, ein Bauernsohn, kommt um 1910 zum Studium auf die Universität von Missuri um Landwirtschaft zu studieren. Bei einem Einführungskurs für englische Literatur entdeckt er seine Leidenschaft für die Welt der Poesie und der Wörter. Flugs wandelt er sich zum Literaturstudenten, wird Doktor und schließlich Assistenzprofessor an seiner Alma mater. Ein ehrlicher Arbeiter, dessen Leben aus nur Schuften und Buckeln besteht: Er führt ein unglückliche Ehe mit einer kapriziösen Frau, die ihn viel Kraft und Nerven kostet, korrigiert Aufsätze, unterrichtet Schüler, findet spät im Leben seine wahre Liebe und muss sich mit einer lebenslangen Feindschaft auseinandersetzen, die er nicht auflösen kann. Wie Beard kann auch Stoner keine Kompromisse eingehen, aber nicht aus Mangel an Charakter, sondern aus Prinzipientreue. Stoner, der Name kommt nicht von ungefähr, ist ein ruhiger Zeitgenosse: in seinem Fachgebiet eine Koryphäe, in sozialen und kommunikativen Belangen wirkt er ein bisschen unbeholfen und naiv. Seine wahre Welt ist das Geistige, sein Elfenbeinturm, in dem er sich wohlfühlt. Die reale Welt ist dagegen voller Beschränkungen und Vorurteile. Weil der Autor Williams seinen Helden ohne große Wertung beschreibt, litt und freute ich mich mit dem Professor, dem das Schicksal nicht besonders gesonnen war. Seine Stärken und Schwächen liegen vor dem Leser wie ein offenes Buch. (Achtung, ich wiederhole mich!) Seine mediokere Existenz macht ihn so menschlich, als wäre er ein Nachbar von nebenan. Williams hat ein so mitfühlendes Buch geschrieben, das ich gar nicht wollte, dass es irgendwann zu Ende geht. Während Solar eher witzig daherkommt, stecken in Stoner einige bittere, aber auch schöne Wahrheiten drin. Zum Beispiel: …“dass Liebe kein Ziel, sondern der Beginn eines Prozesses ist, durch den ein Mensch versucht, einen anderen kennenzulernen.“ Und nein, sowas steht in keinem blöden „Liebe ist…“-Kalender drin.

Zahlen regieren die Welt

Die Geschichte hinter dem Roman ist auch erwähnenswert. Stoner erschien 1965 ohne große Resonanz. Das Buch wurde 2013 wiederentdeckt und als Literatursensation gefeiert. Zurecht. Für mich stehen die beiden Bücher auch für die jeweilige Zeit, in der sie spielen. Die beiden Professoren sind dafür exemplarisch. Der Physik-Nobelpreisträger Beard in Solar bildet das Heute ab, in dem es vielfach nur noch darum geht, ohne Skrupel zu handeln und seine Gier zu legitimieren. Dagegen schöpft Professor Stoner sein Lebensglück aus der Liebe zur Sprache und Literatur, was ihm genügend Lebenssinn gibt. Vielen Menschen ist das nicht vergönnt. Es spielt noch in einer Zeit, in der das Wort wertgeschätzt wird. In unseren Tagen regiert die Mathematik: Zahlen vermessen und bestimmen die Welt. Zahlen retten die Welt? Mir persönlich bleibt deswegen nur ein Hauch von Melancholie über.

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