Buchkritik: Der Allesforscher von Heinrich Steinfest

©Piper

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Was für ein absurder Einstand: Sixten Braun, ein junger Manager, wird von einem großen Stück Wal auf offener Straße getroffen und fällt ins Koma. Gerade als er sich in der taiwanischen Stadt Tainan einem Auto ausweichen will, fährt an ihm ein Lkw vorbei, der einen Wal auf seiner Ladefläche befördert. Durch einen Gasausgleich im Innern des Säugetiers kommt es zur Explosion. In Heinrich Steinfests Roman Der Allesforscher ist kaum etwas normal, aber auf eine besondere Art realistisch. <!–more Weiterlesen …–></p> Der Vorfall mit dem Wal zum Beispiel ist 2004 wirklich so passiert. Sixten verliebt sich in seine behandelnde deutsche Ärztin. Sie verbringen mehrere Nächte miteinander und sehen sich hernach nie wieder. Die Folgen bekommt Sixten sieben Jahre später präsentiert: Er soll plötzlich einen Sohn haben – aus der kurzen Liasaion mit der Ärztin, die nach der Geburt des Kindes verstorben ist. Sixten hat seinen ehemaligen Job an den Nagel gehängt, arbeitet als Bademeister und wohnt in Stuttgart. Er staunt nicht schlecht, als er seinen Sohn in der taiwanesischen Botschaft sieht: Sein Junge hat asiatische Gesichtszüge. Er kann unmöglich der Vater sein. Hinzu kommt, dass der Junge namens Simon keine bekannte Sprache spricht, sondern seine eigene Kunstsprache benutzt. Trotz dieser Hindernisse adoptiert Sixten den Jungen. Und sein Lebenslauf schlägt nun so manch ungewöhnliche Kapriole…

Den Schalk im Nacken

Ums vorneweg zu sagen: Der Allesforscher hat mich nicht durch eine grandiose mitreißende Story überzeugt – immerhin wird keine Mittelstandsehe szeniert. Dagegen glänzt das Buch durch tolle Einfälle, witzige Gedankengänge, sprachliche Aperçus und Lebensweisheiten, die es dort zuhauf gibt. Beispiele gefällig? Im Vorwort betrauert der Autor, dass es für Bücher keine Titelmusik gibt. „Wie gut hat es da der Film, dessen Vorspann getragen wird von einer klanglichen Ouvertüre, die verspricht, was nach erfüllt wird oder nicht.[…]“ Fand ich wunderbare Idee. Aber das Gedruckte auch seine Vorteile: Der Leser kann sich an den Gedanken an den Alltagsbeobachtungen des Protagonisten Sixten erfreuen. Schon mal aufgefallen, dass die italienischen Restaurants hier Deutschland – zumindest, diejenigen die noch von Italienern geführt werden – sich fundamental von Restaurants in Italien unterscheiden? Hierzulande werde man noch mit der für die Italiener sprichwörtlichen Gastfreundschaft empfangen, als wäre man ein Freund des Hauses. Und dass, obwohl man den Laden zum ersten Mal betritt. Während man als Deutscher in Italien lediglich ein blöder Tourist ist. Steinfest schreibt: „Die Italiener in Italien wirken dagegen wie Fälschungen, wie ein großangelegter Betrug. Eine Klischeemaschine statt Kaffeemaschine. So gesehen, war Berlusconi wirklich der richtige Mann. Der Richtige im Falschen.“

Dream is destiny

Der Österreicher Heinrich Steinfest lebt und schreibt in Stuttgart. Eigentlich ist er bekannt für zahlreiche Krimis, die sehr erfolgreich waren, was zahlreiche Preise in den vergangen Jahren belegen. Der Allesforscher war der erste Schritt abseits der Ermittlerpfade. Und er ist fast perfekt gelungen: zwei Drittel des Buches sind wunderbar. Eine Wonne sie zu lesen. Das letzte Drittel hakt ein bisschen: Ich hatte das Gefühl, die stark schicksalsgetriebene Geschichte müsse nun zusammengeführt werden – auf Teufel komm raus. Deswegen bediente er sich Traumsequenzen, in denen er über das Träumen philosophiert – was mich  an den tollen Film Waking life erinnert hat. Dort heißt es: „Dream is destiny.“ Wer gerne über Träume nachdenkt, wird den Schlussteil des Allesforschers mögen.

Fazit: Der Allesforscher ist ein wunderbares Buch, das mit tollen Gedanken punktet und sich auf höchstem sprachlichen Niveau bewegt. Einziger kleiner Wehmutstropfen ist der Schlussteil, der nicht voll gelungen ist. Nichtsdestotrotz ist Der Allesforscher zurecht auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gekommen. 4 von 5 Sternen.

 

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