Buchkritik: „Der beste Roman des Jahres“ von Edward St Aubyn

©Piper Verlag

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Jedes Jahr im November dasselbe. Die Vergabe des Literaturnobelpreis sorgt meist für eine Überraschung. Ab und an geht er an verdiente Schriftstellergrößen, oft an Autoren, die mit ihrem Werk auf eine politische Situation aufmerksam machen und viel häufiger an ziemlich unbekannte Schreiber, deren Wirken nur einem kleinen Literaturzirkel bekannt ist. Jedenfalls geht er nie den amerikanischen Starliteraten Philipp Roth.

Das scheint eine feste Regel zu sein, obwohl er seit Jahren die beste Quoten bei den englischen Buchmachern bekommt. In Deutschland scheint es weniger die Frage zu sein, wer den Preis bekommt, sondern welchen. Es gibt hierzulande allein 1.200 Preise für Literatur. Kein anderes Land in Europa vergibt annähernd so viele Auszeichnungen in dieser Sparte. Zwar gibt die großen bekannten Preise, wie den Deutschen Buchpreis oder den Büchnerpreis, aber es gibt auch viele kleine. Jede Stadt, die etwas auf sich hält, wie Unna oder Fürth, lobt einen Preis aus (Es gibt dazu einen interessanten Beitrag, ob es das sinnvoll ist oder nicht). Aber auch auf der britischen Insel ist Vergabe von Literaturauszeichnungen nicht unbekannt. Der Schriftsteller Edward St Aubyn nimmt sich mit seinem Buch „Der beste Roman des Jahres“ genau diesem Thema an – auf satirische Art und Weise.

Englisches Understatement

Elysia, ein Unternehmen aus der Agrarwirtschaft, lobt einen Literaturpreis aus, um sein Image aufzupolieren. Dazu wird ein Gremium gebildet unter der Leitung des Hinterbänklers Malcolm Craig im britischen Unterhauses, der zufälligerweise im Vorstand von Elysia sitzt. Auf seine Frage, warum den auch Autoren aus dem Commonwealth berücksichtigt werden sollen, obwohl der Commonwealth ein geistloses und unzusammenhängendes Gebilde sei, bekommt er zur Antwort: „Die Königin hat ihre Freunde daran, und das ist Grund genug, an der Sache festzuhalten.“ Mehr englisches Understatement geht kaum. Die Mitglieder setzen sich aus einer Literaturprofessorin, einem Schauspieler, einer Journalistin und einer Thriller-Autorin zusammen. Jeder dieser Teilnehmer hat einen Haufen eigener Probleme und jeweils andere Vorstellungen von guter Literatur. Und wollen ihre eigenen Favoriten durchsetzen. Um eine demokratische Mehrheit zu erzielen, ist das Bilden von Allianzen notwendig. Dabei bietet die Auswahl der für die Long- bzw. Short-list des Preises eine große Bandbreite an: Von der sozialen Milieustudie eines Junkies (Titel: „Was guckstu?„), über den ernsten psychologischen Stück Literatur (Der gefrorene Wildbach) bis hin zum shakespear’schen Historienroman (Die ganze Welt ist eine Bühne) ist alles vertreten. Ad absurdum wird das Auswahlprocedere geführt, als es ein Kochbuch auf die Longlist schafft. St Aubyn stellt in kurzen Passagen jeweils die Bücher vor, in denen er wunderbar die einzelnen Genres aufs Beste karikiert. Zum Beispiel bei „Wasguckstu?“ heißt es: „Yes!“ sagte Death Boy, das Gesicht verzerrt in einer Art lieblichen Hass. „Yes!“ Hab sie, ich hab sie getroffen, verdammte Scheiße, ich hab die Scheißvene getroffen.“ 

Inspiration durch Promiskuität

Doch was wäre eine Preisvergabe ohne die Autoren: Im Vordergrund steht eine attraktive Literatin Katherine Burns, die ein sehr promiskuitives Leben führt. Aktuell mit drei Männern aus dem Buchumfeld: ihrem Lektor, dem Schreiber von Der gefrorene Wildbach und einem französischen Literaturagenten, der unentwegt philosophiert. („Rom wurde nicht an einem Tag dekonstruiert.“) Begründet wird ihr Treiben mit einer Auszeit: Ihrem ständigen Gedankenstrom wird nur dann Einhalt geboten, wenn sie Sex hat – das sei entspannend. St Aubyn zieht für seine Satire sehr viele Klischees der Buchbranche durch den Kakao und zurück. Gerade die Figuren sind schokoladig süß. Am Ende des Buches fragte ich mich schon: Wird der Nobelpreis für Literatur auch so vergeben? Wenn nicht, wäre es mal an der Zeit!

Fazit: St Aubyn schreibt unterhaltsam und locker – ein nettes Buch für Zwischendurch. Der satirische Blick auf den Literaturbetrieb war sehr amüsant, in dem längst nicht alles glänzt, was gelesen wird. Auf meine Longlist für dieses Jahr ist das Buch gekommen, jedoch ist es nicht der Beste Roman des Jahres. 4 von 5 Sternen.

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