Die Macht in Händen

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©Bauderfilm

 

Kaum ein Berufsstand hat in den letzten Jahren soviel an Ansehen eingebüßt wie der des Bankers. Kein Wunder, arbeitet sich die Welt noch immer an den Schäden der Finanzkrise von 2007 ab. Der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss hat mir sehr plausibel gemacht, warum das so ist. Im Dokumentarfilm „Der Banker – Master of the Universe“ vermittelt er einen tiefen Einblick in diese geheimnisvolle abgeschlossene Welt der Banken. Nüchtern und dadurch sehr effektvoll erzählt er von seiner Arbeit mit Wertanlagen und dem Bankensystem. Zum Einstieg: Um in der Hierarchie einer Bank nach oben zu kommen, müsse man sich hochdienen. Und zwar mit sogenannten One- und Two-Nighters, also ein oder zwei Nächte durcharbeiten und in der Bank schlafen, um ein Projekt rechtzeitig beenden zu können. Es sei ein militärisches System, sagt Voss, das keine Kritik duldet. Politische Äußerungen seien unerwünscht. Wichtig: Bedingungslose Loyalität zur Organisation. „Sie müssen bereit sein, ihr Leben aufzugeben.“ Wenn das keine Aussichten sind…

Der menschliche Makel

Voss erklärt das Geschäftsmodell der Banken im Investmentbereich so: Sie bieten sehr viele Produkte an, die teilweise sehr abstrus seien. Für eine bestimmte Situation ergeben sie jedoch Sinn, darauf legt Voss wert, in anderen Konstellationen richten sie aber Unheil an. Die Kunden hätten allerdings zu wenig Wissen über diese speziellen Produkte, um die Risiken einzuschätzen. „Das ist die Schweinerei“, sagt Voss, der für die Dresdner und später für die Deutsche Bank gearbeitet hat. Hierzu kommen weitere Faktoren: Ein Kämmerer einer Stadt prahlt auf einer Versammlung vor seinen Kollegen über ein bestimmtes Geschäft, mit dem er die Stadtkasse saniert hat. Seine Zuhörer werden dieser Idee folgen wie die „Lemminge“. In der Folge würden auch mehr Banken dieses Produkt anbieten – ein Schneeballeffekt. „Das ist alles menschlich.“ Die klammen Kassen der Städte sind nicht nur den Verführungskünsten der Banker zuzuschreiben, sondern auch dem Herdentrieb ihrer Finanzverwalter. Das klingt sehr logisch, ist aber auch traurig. Schließlich sind Banken keine Wohlfahrtsunternehmen und müssen Geld verdienen. Doch die Kämmerer stehen nicht alleine da. Über Privatanleger sagt Voss: Sie verlieren immer an der Börse. Denn: „Dauerhaft risikolos an der Börse Geld zu verdienen, ist richtig schwierig“.

Auf dem Kopf

Irritierend fand ich den Gedanken der umgedrehten Risikoverteilung in den Banken: „Die Leute, die richtig Schaden anrichten können, sitzen unten“, wenn man als Struktur eine Pyramide nimmt. Das seien die Händler – ein berühmtes Beispiel ist Jerome Kerviel, der 4,9 Milliarden Euro für die Großbank Sociéte Générale auf der Soll-Seite eintrug. Der Händler habe keine Verantwortung, bis auf seinen begrenzten Bereich. „Das seien keine Manager, das sind Legehennen, wenn ich es böse formulieren müsste.“ Ergo haben die großen Tiere in der Bank mit dem dreckigen Geschäft kaum etwas zu tun. Für die Händler gelte: „Es geht nur darum, jedes Jahr mehr Geld zu verdienen. Wie du das machst, ist scheißegal“, sagt Voss, der sich zur Ruhe gesetzt hat. Ob die Marktgegebenheiten das überhaupt hergeben, sei nicht relevant.

Nüchtern, sachlich, beängstigend

Regisseur Marc Bauder lässt Rainer Voss durch leerstehendes Hochhaus im Frankfurter Bankenviertel wandern und erzählen. In ruhigen klaren Bildern vermittelt Bauder diese einige Welt: Die Türme von „Mainhattan“ erheben sich zu sakraler Musik. Durch die Glasfassaden der Hochhäuser sieht man die Banker auch noch nachts fleißig arbeiten  – wie Hamster. Oder wie die Nobel-Autos der Manager in die Tiefgaragen der Banken fahren. Voss erklärt dazu, in was für einer Parallelwelt die Banker leben. Es werde für alles gesorgt. Die Kinder gehen in denselben Kindergarten, die Urlaube verbringe man an den selben Orten, wie die Kollegen. Es entwickele sich eine abgeschlossene Welt, die mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun hat. Das führe dazu, dass man als Banker sich über die Auswirkungen der gemachten Deals keine Gedanken mache. Bauders Film sticht deswegen so raus, weil er so realistisch wirkt. Während „The Wolf of Wall Street“ oder „Wallstreet“ reichlich überzeichnet sind, analysiert Voss klar die Zusammenhänge dieses verrückten Kosmos – ohne Schenkelkopfer, aber auch ohne Reue gegenüber seiner Arbeit. Am Ende des Films antwortet Voss auf die Frage, ob seine Branche aus der Krise gelernt habe: „War der Schock groß genug? Nein“, sagt er. „Der Schock war groß, aber … Let’s get on with it.“ Autsch.

Fazit: Rainer Voss hat mir die all schlimmen Dinge bestätigt, die über Banken und deren Geschäftsgebaren kursieren. Das gezeigte Insider-Wissen ist erleuchtend und beängstigend. Sollte mein Bankberater versuchen, mir Aktien zu verkaufen, werd ich ihn auf diesen eindrucksvollen Film hinweisen. Prädikat besonders wertvoll! 5 von 5 Sternen.

Hier der ganze Film auf youtube: Anschauen!

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