Der Zombie, dein Nachbar (The walking dead – Staffel 1)

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©AMC

Der Zombie hat sich festgebissen – in die Popkultur. Nachdem George Romero 1968 mit seinem Film „Night of the living dead“ die Menschheit auf die Attacke vorbereitet hatte, ist man vor den Untoten heutzutage nirgends mehr sicher: Der Zombie wird auch in der jüngeren Filmgeschichte (z.B. World War Z, Zombieland) sowie in Liedern ( z.B. „Zombie“ von den Cranberries) oder Comics ( z.B. 28 days later) thematisiert. In andere Lebensbereichen hat er sich auch reingebissen: Der Name eines Cocktails, als Kanonenfutter in Videospielen, Kostüm für Halloween bzw. eine Videoschminkanleitung a la „In 10 Minuten zum Zombie“ oder sogar als Wimmelbuch „Wo ist der Zombie?“. Beträchtlichen Anteil an der jüngsten Zombie-Manie hat die TV-Serie „The Walking dead“, die auf sehr erfolgreichen Comic-Reihe basiert. Hauptfigur Rick Grimes, ein Kleinstadtcop, wird bei einem Einsatz angeschossen und kommt ins Krankenhaus. Er wacht aus seinem Koma auf, doch die Welt ist eine andere: Auf den Fluren liegen Leichen, getötete Zombies und verstreute Krankenakten. Die Neonröhren flakern. Und kein Mensch in Sicht. Die Zombies „regieren“ das Land.

Die Fotoalben sind gesichert

Grimes kämpft sich zu seinem Haus durch, das verlassen ist. Seine Frau und sein Sohn sind weg, samt der Familienfotoalben. Denn: Alles ist ersetzbar, außer den persönlichen Erinnerungen. Grimes trifft einige Überlebende, die ihn über die Situation aufklären: Die Zivilisation ist zusammengebrochen und die meisten Menschen haben sich in Zombies verwandelt. Sie können aber durch einen Schuss in den Kopf getötet werden. Ausgestattet mit Waffen und Munition fährt Grimes allein nach Atlanta. Dort soll es ein Militärcamp geben, das der Zombieseuche Widerstand leistet. Statt der Hilfe erwarten ihn gespenstische Bilder menschenleerer Straßenzüge. Durch eine Unachtsamkeit findet er sich plötzlich von den Untoten umgeben, bis er von einer kleinen Gruppe Überlebender gerettet wird.

Wer schießen kann, ist klar im Vorteil

„The Walking dead“ brilliert nicht durch ausgefeilte Dialoge oder durch eine spektakuläre Geschichte, sondern durch die Ausgangssituation: Wie verhalten sich Menschen, wenn sie permanent um ihr Leben fürchten müssen? Die Zombies lauern überall. Und wie versorgt man sich mit dem Nötigsten, wie Nahrung, Wasser, Kleidung und Obdach? Im Grunde sind die Überlebenden auf den Zivilisationsstatus von Jägern und Sammlern zurückgeworfen worden. Hier werden natürlich amerikanische Tugenden zelebriert:

1. Das Tragen von Waffen entscheidet hier über Leben und Tod. Wer schießen kann, ist klar im Vorteil. Sollten einmal die Waffengesetze in den USA abgeschafft werden, wäre man der Zombie-Apocalpyse völlig ausgeliefert.

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2. Sportlich zu sein bringt Pluspunkte beim Survival of The Fittest-Test. Schließlich ist oftmals die einzige Rettung vor den torkelnden Zombies ein kleiner Dauerlauf. Wenn man bedenkt, dass 75 Prozent der Amerikaner als übergewichtig gelten, hätten sie den Zombies wenig entgegen zu setzen. Deswegen sind zumindest in der ersten Staffel alle wichtigen Protagonisten schlank. Wer fett ist, wird buchstäblich aufgefressen.

3. Auch klassische Camping-Fähigkeiten bringen Vorteile im Überlebenskampf, wie Zelte aufbauen, Feuer machen, Fährten lesen oder Fallen stellen. Selbstverständlichkeiten unseres Alltags werden wieder sehr kostbar: Bei einer warmen Dusche jubeln die Überlebenden voller Freude als hätten die Atlanta Falcons die Meisterschaft gewonnen.

4. Sollte ein Mitglied der Gruppe verloren gehen oder vergessen werden, gehen natürlich die Mutigsten der Gruppe in die zombieverseuchte Gegend zurück, um die Person zu retten. Diese Vorgehensweise, die den Amerikanern in jedem Militär-Spielfilm eingehämmert wird, trägt auch im Post-Amerika der Zombieapocalypse Früchte.

Gesellschaftsfragen

Wenn ich überlege, selbst in dieser dramatischen Situation zu stecken, wäre ich vermutlich im Handumdrehen ein hirnloser Zombie geworden. Doch sicherlich hätte mich Rick Grimes gerettet, der etwas zu eindimensional geraten ist, ein bisschen zu rechtschaffen und selbstgerecht. Spannend sind dafür die Gruppendynamiken bzw. das Entstehen von Hierarchien. Denn: Innerhalb eine aus der Not zusammengeschweißte Gruppe fördert die Entladung von gesellschaftlichen Spannungen, wie schon beim großen Vorbild George Romero: Der Nazi muss sich mit einem Quoten-Schwarzen arrangieren – für das Überleben der Gruppe. Übrigens ist diesmal sogar die asiatische Minderheit berücksichtigt worden. Ein junger Mann darf einen blassen Computer-Geek spielen. Und Latinos tauchen lediglich als kleine Nebenfiguren auf. Für Konflikte sorgen auch handfeste Dinge: Darf ich eine Waffe zur Selbstverteidigung tragen, auch wenn ich sie nicht wirklich gut benutzen kann? Gibt es ein Recht auf Selbstmord, in einer Welt, die so wenig lebenswert ist?  Wer hätte das Recht dagegen einzuschreiten? Wie kann man in einer so verrückten Welt noch menschlich bleiben? Schon der Philosoph Thomas Hobbes hatte dabei seine Zweifel: „Homo homini lupus – Der Mensch verhält sich gegenüber seinen Mitmenschen unmenschlich.“ Und natürlich der Evergreen zwischen den Geschlechtern: Wer hat die Hosen an?

Die Angst Amerikas

„The Walking dead“ ist vermutlich so populär, weil sie genau die aktuellen Ängste Amerikas abbildet. Diese ständige Bedrohung durch Feinde müssen US-Soldaten bei ihren Militäreinsätzen im mittleren Osten aushalten. Und die Heimatfront ist eingeschüchtert durch Ebola, Terroristen und Obamas Gesundheitsreform. Das Auseinanderbrechen der Gesellschaft ist durch die Finanzkrise und damit verbundender Arbeitslosigkeit und geplatzter Immobilienblase fühlbar. Wie die Gruppe Überlebender um Rick Grimes kämpfen dort viele Menschen um die nötigsten Dinge für ihr Leben – in einer Welt, in der Zombies als Metapher für eine feindliche Umwelt stehen. Nichts ist sicher. Ein falscher Schritt und ich werde vom Zombie gebissen oder vom Anwalt aus dem Haus rausgeklagt. So schrieb Shakespeare im Hamlet: „Sei behutsam! Furcht gibt Sicherheit.“ Vermeintlich – wie die Zuschauer der Serie wissen.

Fazit: „The Walking dead“ hat eine interessante Ausgangslage. Der Anspruch, den Kampf gegen die Unwägbarkeiten der Situation möglichst realistisch zu zeigen, ist gelungen. Allerdings sind die Charaktere etwas blass bzw. klischeebeladen geraten. Bin gespannt, ob sich das in den kommenden Staffeln bessert. 3,5 von 5 Sternen.

Update: Meine Erwartungen auf den weiteren Verlauf der Serie wurden enttäuscht. Während Staffel 2 im Grunde sehr solide ist – die Charaktere entwickeln sich, es gibt weitere Erkenntnisse im Bezug auf die Zombieplage – bleibt die dritte Staffel hinter den Erwartungen zurück. Leider nimmt der Splatter darin derart zu, dass es irgendwann nur noch langweilt. Hab die Serie ad acta gelegt.

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11 Gedanken zu “Der Zombie, dein Nachbar (The walking dead – Staffel 1)

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  3. War von der Staffel auch nicht sonderlich begeistert. Auch wenn mich die Zombie Thematik noch nie sonderlich gepackt hat, habe ich mich nach all dem Hype doch an die Serie gewagt. Hab aber am ende nicht mehr bekommen als ich sowieso erwartet habe.
    Die These im Bezug auf die amerikanischen Ängste ist echt interessant. Daran habe ich selbst noch nicht gedacht aber ganz unrecht hast du damit nicht.

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    • ich hab noch ein bisschen weitergeschaut. Dachte mir dann, aber meine Zeit etwas zu schade ist für all den langweiligen Splatter. Schließlich gibt es so viele tolle Serien, mit denen ich viel lieber meine Zeit verschwenden wollen würde.
      Dass Filme/Serien oft gesellschaftliche Entwicklungen abbilden, ist im Grunde ein Allgemeinplatz. Zum Beispiel der Film Texas Chainsaw Massacre war im Grunde eine Reaktion auf den Vietnamkrieg. Oder die Horrorfilmwelle in den 2000ern, mit Filmen wie Hostel oder Saw, waren deshalb so populär, weil sich die Amerikaner sich mitten in Afghanistan und im Irak befanden. Und die Heimatfront wollte ihre Ängste daheim bekämpfen, indem sie schlimme Dinge auf der Leinwand durchgestanden und besiegt hat. Im Grunde nichts anderes, wenn Eltern ihren Kindern Märchen vorlesen. Finde es aber sehr spannend, diese Entwicklungen zu verfolgen – der Mensch ist ein wunderbares und seltsames Wesen.

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  4. Bzgl. deines Updates: Öha, ist ja interessant, dass dir ausgerechnet die 3. Staffel am wenigsten gefällt, wo doch ganz viele diese am liebsten mögen!

    Meine Lieblingsstaffel ist immer noch die 2., fand aber die 3. auch gut, sodass ICH sie sicher weiterschauen werde (, wenn sie umsonst bei Amazon Prime in OV zu haben ist), auch wenn die 4. Staffel ja nicht so gut sein soll…

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    • Nun ich glaube, das liegt vielleicht daran, dass die Staffeln mehr oder weniger am Stück gesehen habe. Denn jede neue Metzelszene – ich glaub die Macher haben sich ein Beispiel an Game of Thrones genommen – artete mit der Zeit in gepflegte Langeweile aus. Gerade in der dritten Staffel haben sie damit nicht gespart – so kam es mir zumindest vor. Dafür wage ich mich jetzt an „Orange is the new Black“ ran. Mal sehen, ob die vielgelobte Serie hält, was sie verspricht.

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    • Ich bin mittlerweile in der Mitte von Staffel zwei. Die charakterliche Entwicklung nimmt endlich richtig Fahrt auf. Was sagst du, lohnt es sich weiterzuschauen? Bzw. wenn du es so unrealistisch und supereklig findest, was reizt dich dann?

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    • Es lohnt sich, irgendwie. Ich kann nicht genau sagen warum ich es guck. Vielleicht weil ich doch immer wissen will, warum was wie ist! Es wird auch erst richtig eklig in Staffel 4. Davor fand ich es manchmal auch schon recht grenzwertig aber nun kann ich manchmal nicht hingucken. Bin aber auch eine Sissy hi hi.

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