Filmkritik: Oh Boy (Deutschland, 2012)

©X-Verleih

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Ein Paar am Morgen im Bett. Er steht auf, zieht ein weißes Hemd, Schuhe und einen abgetragenen Anzug an. Sie würde gerne mit ihm noch frühstücken. Er lehnt ab und will weg. Sie fragt ihn, ob sie sich dann heute Abend sehen. Er sagt, er habe Termine. „Was denn für Termine?“ Er schweigt und geht. Diese nicht gegebene Antwort sagt viel über die Hauptfigur Nico Fischer im Film „Oh Boy“ aus. Er hat sein Jurastudium abgebrochen, ist pleite und hat seinen Führerschein wegen Alkohol am Steuer verloren. Kurz gesagt, es herrscht Stillstand bei ihm. Und das mitten in Berlin, einer Metropole, die lebt und in Bewegung ist. Die S-Bahn rauscht oft durchs Bild, während Nico am Fenster sitzt und raucht.

Wer bin ich?

In schwarz-weiß Bildern und einem jazzigen Sound erzählt Regisseur Jan-Ole Gerster die Geschichte eines jungen Manns, der sich bei der Suche nach einer Tasse Kaffee von einer Episode zur nächsten hangelt. Der Film erinnert stilistisch stark an die Arbeiten von Woody Allen oder Noah Baumbach, der zuletzt mit „Frances Ha“ eine ganz ähnliche Figur in New York porträtiert hat. Die Ausgangslage: der Mittzwanziger Nico hat sich selbst noch nicht gefunden. Die Frage, „Wer bin ich?“, die jeden Menschen einmal umgetrieben hat, erinnert mich an ein Lied von Buz Luhrmann. Darin heißt es:  „the most interesting people I know didn’t know at 22 what they wanted to do with their lives, some of the most interesting 40 year olds I know still don’t.“ Niko wird vermutlich nie wissen, wer er ist – auch nicht mit 40. Dafür ist er zu unbeholfen. Der deutsche Star Tom Schilling spielt diesen taumelnden Nico großartig – die Unsicherheit gegenüber seiner Umwelt spiegelt sich in duzenden Gefühlsschattierungen auf seinem Gesicht wieder.

Feine Ironie

Jeder Schritt ist für Niko anstrengend. Er strahlt ein Mir-ist-alles-zuviel aus. Dabei trifft er auf Menschen, die er oftmals nicht versteht, obwohl beide dieselbe Sprache sprechen. Sie leben in festgefahrenen Bahnen, die Nico manchmal hinterfragt, und damit auf wenig Gegenliebe stößt. Die meisten dieser Begegnungen enden für Nico in der Regel in unangenehm peinlichen Situationen. „Wenn man so das Gefühl hat, dass die Menschen um einen rum irgendwie merkwürdig sind. Dann wird dir irgendwie klar, dass man selbst und nicht die Anderen das Problem ist.“ Gerster spießt in seinem Debutfilm genüsslich auch einige Berlin-Klischees auf: Nico geht in einen hippen Coffee-Shop, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Dort kümmert sich natürlich eine junge Frau aus dem Schwabenland um sein Anliegen. Oder: Nico und ein Freund (Marc Hosemann) besuchen eine Theateraufführung im Kunstbau Tacheles, in dem sie ein fürchterliches Stück der freien Szene sehen. Durch Zufall kommt er auf ein Set eines deutschen Films, dessen Geschichte im zweiten Weltkrieg spielt. Der Hauptdarsteller in Uniform erzählt Nico den absurden schnulzigen Plot zwischen einem SS-Offizier und einer Jüdin. Nico fragt: „Basiert es auf einer wahren Geschichte?“- „Ja, natürlich“. Oh Boy zeichnet sich durch feine Ironie der Szenen aus. Hinzu kommen tolle Schauspielleistungen, die dank gut geschriebener Charaktere und Szenen, voll zur Entfaltung kommen. Und auch der Regisseur hat mit seinem Erstlingswerk genau den richtigen Flow für die Geschichte gefunden. In 83 Minuten hat er mehr erzählt, als manche Filmemacher in zwei Stunden. Einfach wunderbar.

Fazit: Ich war äußerst positiv überrascht von dieser Filmperle. Von deutschen Filmen ist man soviel Gefühl für Drehbuch und Schauspieler nicht gewohnt. DER Berlin-Film der letzten Jahre. 4,5 von 5 Sternen.

 

 

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2 Gedanken zu “Filmkritik: Oh Boy (Deutschland, 2012)

  1. Ich muss zugeben, ich hatte mal die ersten paar Minuten gesehen und habe dann aufgegeben. Was ich aber sehr bereut habe! Ich muss den unbedingt nochmal von Anfang bis Ende schauen 🙂

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