Filmkritik: 20.000 Days on Earth (USA, 2014)

© Corniche Pictures

© Corniche Pictures

Jedermann erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält. (Max Frisch)

Im Science Fiction Roman 20.000 Meilen unter dem Meer von Jules Verne kommt ein Forscher an Bord des Unterseebootes „Nautilius“. Dort lernt er Kapitän Nemo kennen. Einen Mann, der sich von der Menschheit und dem Erdboden abgewandt hat. Bei 20.000 Days on Earth passiert das Gegenteil: Der Zuschauer taucht nicht unter Wasser, sondern in die Gedankenwelt von Nick Cave ein – Schriftsteller, Sänger der Band „Nick Cave and The Bad Seeds“ und Drehbuchautor. Eine dunkle und spannende Welt, die von Abgründen, Trauer, Verzweifelung und Liebe der Menschen lebt. Der Intellektuelle unter den Rockstars weiß, wovon er spricht, war er doch jahrzehntelang heroinabhängig, von Ängsten geplagt und getrieben – ein Grenzgänger. Und genau deswegen ein erfolgreicher Künstler, der sich in diesem Film selbst porträtiert.  

Kirchenverbot für Nick Cave

Es geht um einen fiktiven Tag im Leben von Nick Cave, der mittlerweile im englischen Brighton lebt: Seinem Psychologen erzählt der Künstler am Morgen von seiner australischen glücklichen Kindheit. Wie er von einer Eisenbahnbrücke im letzten Moment in einen Fluss springen, als der Zug ihn fast erreicht hatte. Diese verrückten Dinge, die einen fürs Leben prägen. Man jage das ganze Leben nach diesen Kindheitserinnerungen hinterher. Das bilde das narrative Gerüst seiner Songs. „The moments, when the gear of the heart really change.“ Das könne das Entdecken von Kunst sein, von massiven traumatischen Erfahrungen, aber auch nur ein kleiner Moment sein. Auf die Frage, was seine größte Angst ist: „My biggest fear, I guess, is losing my memory. […] Memory is what we are. Your very soul your very reason to be alive is tied up in memory.“ Für das Schreiben eines Songs sei der Kontrapunkt der Schlüssel. Zwei völlig unterschiedliche Bilder mit einander in Beziehung treten lassen. Dann schaue er, wohin einen der Funke trägt. Dieser kreative Moment hat ihn zahlreiche abgründige Songs schreiben lassen, von Mördern, Katastrophen und verzweifelter Liebe. In seiner Songwelt gebe es auch Gott und damit eine Balance von Gut und Böse, gesteht er dem Psychologen – „Someone taking score.“ In seiner Junkie-Phase ging er zur Messe und versorgte sich danach bei seinem Dealer mit Drogen. Ein bisschen gottgefällig sein, dafür ein bisschen Abheben. Ausgleichende Gerechtigkeit. Bis seine jetzige Frau Susie ihm sagte: „Geh nicht mehr in die Kirche.“

Vergessen, wer man ist

Über 20.000 Tage wandelt Cave auf diesem Planeten – ein Hinweis auf sein Alter von mittlerweile 57 Jahren. Er packt in diesen poetischen Film seine gesammelten Lebensweisheiten in schöne Anekdoten ein. Bezeichnend ist die Geschichte eines Konzerts von Nina Simone, die Cave dem Psychiater erzählt. Die berühmte Künstlerin betrat mit Wut im Bauch die Bühne und starrte hasserfüllt ins Publikum. Dann nahm sie ihren Kaugummi aus dem Mund, klebte ihn ans Klavier und fing zu spielen an. Im Rampenlicht würde sich der Künstler in einem transformativen Prozess hingeben und damit den Zustand erreichen, nach dem alle streben: Vergessen, wer sie sind bzw. jemand anderes sein wollen. Nina Simone tanzte am Schluss des Konzerts und war mit sich und der Welt für diesen Moment versöhnt. Und das Publikum sei von Simones Gemütswandel tief berührt gewesen, erzählt Cave.

Kylie Minogue auf dem Rücksitz

Vom Psychologen fährt der Protagonist weiter zu einem Bandkollegen, um mit ihm zu Mittag zu essen. Auf der Fahrten zu den Stationen des Tages sitzen plötzlich Lebensweggefährten von Cave im Auto und verschwinden wieder. Unter anderem mit Blixa Bargeld (Sänger der Einstürzenden Neubauten) philosophiert er über das Altern, das Editieren von Songs oder Bühnenerfahrungen. Auch Superstar Kylie Minogue nimmt Platz. Sie erzählt eine Anekdote von Michael Hutchens (Sänger der australischen Band INXS), der kurzsichtig war. Eines Tages beschloss er eine Brille zu tragen. Als er jedoch auf der Bühne stand, war er vom Publikum so stark eingeschüchtert, dass er sie nie wieder trug. Mit Minogue hatte Cave wohl seinen größten Charterfolg „Where the wild roses grow“. Cave kommentierte das ganz lässig:  „Auf einmal hatten wir einen Hit. Und dann kauften die Leute das Album und stellten fest, dass sie das letzte Mal Nick Cave and the Bad Seeds hören wollten. Abends sehen wir Nick Cave selbst bei einem Konzert auf der Bühne mit Streichorchester und Kinderchor – bei einer Transformation. Beim Song Jubilee Street schüttelt er seinen Körper und singt immer wieder „I’m transforming, I’m vibrating – look at me now.“ Und dann hebt er ab: „I’m glowing, I’m flying – look at me now.“ Während bei Jules Verne die Nautilus mit Kapitän Nemo in den Tiefen des Meeres untergeht, fliegt Cave von der Bühne der Transzendenz entgegen. Nicks Himmelfahrt.

Fazit: Wer eine komplexe spannende Persönlichkeit kennenlernen will, ist mit Nick Cave in diesem Film bestens aufhoben. Auch für Nicht-Fans eine schöne und interessante Erfahrung. 4 von 5 Sternen.

P.S: Wer eine klassische Doku zu Nick Cave sehen will, ist bei Markus Kavka ganz gut aufgehoben, der ihn interviewt hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

Gib einen Kommentar ab!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s