Filmkritik: Plemya (Miroslav Slaboshpitsky, Ukraine 2014)

©Ukrainian State Film Agency

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Mal was Neues sehen. Die Grenzen des bisherigen Horizonts überschreiten und die ausgelatschten Pfade verlassen, zumindest in Sachen Film – das reizt mich. Dieser seltene Fall passierte mir auf der Viennale in Wien. Ein Filmerlebnis, das ich so bisher noch nicht kannte. Die Einleitung war ganz harmlos. Zu Beginn des ukranischen Streifens „Plemya“ wurde den Zuschauern mit auf den Weg gegeben: In den 130 Minuten, die folgen, wird nicht in Worten gesprochen. Es gibt nur die Gebärdensprache der gehörlosen Protagonisten, und diese wird nicht (in Untertiteln) übersetzt. Das ist ne Ansage! Man wird diesen Film wahrscheinlich auch nicht verstehen können, selbst wenn man der Gebärdensprache mächtig ist. Es gibt weltweit 137 verschiedene, wie mir Wikipedia verraten hat. Zwar gab es Filme, in denen Figuren nur mit ihren Händen kommunizierten, wie zum Beispiel in „Jenseits der Stille“. Oder man erinnere sich an das erste Viertel von Wall-E, in denen der kleine Roboter auch kein Wort spricht. Aber keinen kompletten Film der jüngeren Geschichte von Anfang bis Ende. Wer es genau wissen will, hier gibts eine Liste mit Filmen, in denen es um Hörschädigung geht oder in denen Hörgeschädigte auftreten.

Beobachten, nicht Eintauchen

©  Ukrainian State Film Agency

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Zurück zum eigentlichen Film: Ein junger Mann (Namen kommen natürlich nicht vor!) kommt in ein Internat, in dem sich alle Personen gehörlos verständigen können. Er wird schnell in die Gruppe seiner Mitschüler integriert. Sie versteht sich als Gang, die Passanten überfällt und Geldbörsen in Zügen stiehlt. Zum alltäglichen Procedere gehört es auch, als Zuhälter zwei Mädchen aus dem selben Jahrgang Lkw-Fahrern auf einem Parkplatz feilzubieten. Der junge Mann verliebt sich in eine der beiden Prostituierten. Ein Höhepunkt des Films: Ein Liebesakt der Beiden im einem Heizungskeller. Radikal, trostlos, erst abstoßend und dann einnehmend – die Liebe bahnt sich ihren Weg. Das Treiben der Gang läuft ohne das Einschreiten von Autoritäten. Die Lehrer machen mit ihren Schülern gemeinsame Sache beziehungsweise die Polizei kommt schlichtweg nicht vor. Die thematisierte Prostitution ließ mich an zwei Sachen denken: Zum einen an den Film Import-Export von Ulrich Seidl, der die Zustände der Sexindustrie in der Ukraine zeigt, und zum anderen an die feministische Gruppe Femen, die sich ursprünglich dort formiert hat. Ihr Schlachtruf „Die Ukraine ist kein Bordell“ kommt nicht von ungefähr. Ob das Land seine Geschichte als gescheiteter Staat hinterlassen und sich unter neuen Vorzeichen weiterentwickeln kann, bleibt zu hoffen. Vielleicht nimmt die Welt die Ukraine bald im Licht des Films wahr: Plemya soll für den Auslandsoscar nominiert werden.

Hommage an den Stummfilm

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Die Sicht von außen hat sich auch Regisseur Miroslav Slaboshpitsky zu Herzen genommen: Er filmt mit einer gewissen Distanz zu allen Personen, keine Close-Ups, als wolle er verhindern, dass man den Schauspielern zu nahe kommt. So hat Plemya beinah einen dokumentarischen Anspruch – der Zuschauer darf diese Welt betreten, aber nicht eintauchen, nur beobachten. Slaboshpitsky sagte in einem Interview: „I wanted to make a homage to silent film.“ Dieses Gefühl hatte ich auch – keine Musik, keine hörbaren Gespräche. Mir wurde einmal mehr klar, dass es im Grunde reicht, eine Geschichte mit Händen und Füßen zu erzählen. Denn: Gerade in diesem Film reicht die Körpersprache aus, um alle Gefühlswelten ausdrücken. Das hat mich begeistert und war eine neue Filmerfahrung.

Fazit: Ein grandioser Film dank einer ungewöhnlichen Prämisse. Wer braucht schon das gesprochene Wort? 4,5 von 5 Sternen. Abzug gibts für ein bis zwei Längen.

P.S: Slaboshpitsky sagte noch in dem Interview: „One of my actors told us in one of his interviews that he thinks the Internet and social networks were created especially for deaf people—[deaf people] are very active users of social networks, because they make it much easier to communicate in real life.“ Was für ein Wohltäter der Herr Zuckerberg unfreiwillig ist.

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