Filmkritik: „Clouds of Sils Maria“ (Olivier Assayas, F 2014)

©filmcoopi

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Maria Enders ist eine arrivierte Schauspielerin. Attraktiv, aber in die Jahre gekommen. Für Hollywood-Rollen käme sie nicht mehr in Frage. Sie bekommt ein Angebot im selben Theaterstück zu spielen, in dem sie als 18-Jährige groß rauskam. Sie verkörperte darin damals eine junge Frau, die die Geliebte ihrer Chefin wird und sie letztlich in den Selbstmord treibt. Nur jetzt haben sich die Vorzeichen geändert: Sie soll die ältere Chefin darstellen. Enders hadert mit sich ob sie die Rolle wirklich annehmen soll. Kann und will sie die biestige Chefin spielen, die alt und verzweifelt ist? Den Part der jungen Geliebten soll die Skandalnudel Jo-Ann Ellis übernehmen, die Lindsey Lohan nacheifert. Schwierig macht die Entscheidung für Enders einmal mehr, dass es Parallelen zu ihrem Privatleben gibt: Sie kämpft mit einer Scheidung und fühlt sich allein. Einzige Stütze und „Freundin“ ist ihre PR-Assistentin. Schließlich kommt Enders nicht mehr aus dem Vertrag für das Theaterstück heraus. Sie arbeitet und diskutiert mit ihrer Assistentin an dem Text im schweizerischen Bergort Sils Maria. Das Einüben stellt beide vor harte Bewährungsproben.

Duell des Alters

Clouds of Sils Maria ist ein knallharter Frauenfilm. Die angesprochenen Themen betreffen die holde Weiblichkeit in den mittleren Jahren: Akzeptiere ich, dass ich alt geworden bin? Wie gehe ich meiner neuen „Rolle“ um? Was habe ich für Perspektiven? Ist die Jugend von heute primitiv? Muss man sie ernst nehmen? Diese Fragen verhandelt Maria Enders (Juliette Binoche), die ihre Unsicherheit mit exzessivem Rauchen und Saufen betäubt, mit ihrer Assistentin Valentine (Kristen Stewart) in grandiosen Duellen bei der Textproben. Die Mittzwanzigerin Valentine übernimmt zum Üben die Rolle der jungen Geliebten, Marias ehemalige Rolle, was für die Enders doppelt belastend ist. Die Konstellation gestaltet sich auch deswegen spannend, weil die Übergänge von den Theaterzeilen und der persönlichen Situation zwischen Enders und Valentine fließend sind. Als Zuschauer zweifelt man immer wieder mal kurz, ist das jetzt noch Probe oder sprechen sie über sich selbst. Kristen Stewart und Juliette Binoche spielen beide diese Szenen ganz grandios. Besonders Stewart sticht heraus: Sie dürfte die beste Leistung ihrer bisherigen Karriere abgeliefert haben.

Natürlichkeit siegt

Regisseur Olivier Assayas zeigt die Unterschiede in der Lebenseinstellung der beiden Frauen an vielen Kleinigkeiten, die so ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Dem Blick meiner weiblichen Begleitung entging nicht, die unterschiedlichen Kleidungsstile, Frisuren und Körperempfinden. Zum Beispiel: Während sich Maria an einem See zum Baden splitterfasernackt auszieht, behält Valentine einen weißen Baumwollschlüpfer und einen schwarzen BH an. Das Gefühl der Freiheit vs. Arbeitskleidung. The Clouds of Sils Maria ist voll von solchen Bildern. Schön ist auch, dass sie nicht eigens erklärt werden. So fühlt sich der Film sehr natürlich an und animiert den Zuschauer zum Mitdenken und Decodieren.

Maria Enders (Juliette Binoche) und ihre Assistentin Valentine wandern und kämpfen verbal miteinander. ©filmcoopi

Maria Enders (Juliette Binoche, li.) und ihre Assistentin Valentine (Kristen Stewart) wandern und kämpfen verbal miteinander. ©filmcoopi

Neuerfindung des eigenen Selbst

Das im Film eingeübte Theaterstück weist deutliche Paralleln an „Die bitteren Tränen der Petra Kant“ von Rainer Maria Fassbinder auf. Bei Assayas, der schon mit der Miniserie Carlos brilliert hat, war das sicher kein Zufall. Auch Fassbinder beschäftigte sich immer wieder in seiner Karriere mit Frauen, die sich immer wieder neu erfinden mussten. Man denke nur an „Lilli Marleen“ oder „Die Ehe der Maria Braun“. Gerade Schauspielerinnen müssen sich den Regeln des Schönheitswahns unterwerfen, um dem Alter ein Schnippchen zu schlagen und große Rollen zu bekommen. Eine Botoxspritze oder Entfernung der Schlupflieder gehören heutzutage schon zum guten Ton. Interessant wird es, wenn Stars dafür gescholten werden, sich unters Messer zu begeben, wie jüngst Renee Zellweger. Neben dem äußerlichen Verwelken stellt sich für Maria Enders auch die Frage: Wie finde ich mich mit dieser neuen Rolle zurecht? Was will ich vom Leben und was will das Leben noch von mir? Erste zarte Hinweise liefert der Film.

Glitzer, Blitzer, Flitzer

Eine weitere Metaebenen eröffnet der Film mit dem Bezug zur Realtität. Die junge Schauspielerin Jo-Ann Ellis ist im Film ein Superstar – Paparrazzi verfolgen sie und jeder Schnipsel ihres Privat- und Liebeslebens wird medial durch Portale wie TMZ entsprechend hochgekocht. Einmal mehr bekommt man vorgeführt, wie lästig es ist, berühmt zu sein – ein Leben auf der Flucht. Diese Parallele zu Kristen Stewarts realem Leben ist sicherlich beabsichtigt. Nur nimmt Stewart im Film die aufklärerische Rolle ein, wie ticken die Medien, was man besser macht und was nicht. Jo-Ann Ellis nimmt sich das Recht der Jugend raus: Sie schert sich nicht um Konventionen, sie macht einfach, wofür sie von Valentine bewundert wird.

Fazit: Grandioses Drama mit tollen Schauspielerleistungen, das für Metaebenenfans eine reiche Spielwiese bietet. Ein Film zum Mitdenken. Stifte und Kalender zücken – ab 19. Dezember ist der Film in unseren Kinos zu sehen. 4,5 von 5 Sternen.

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2 Gedanken zu “Filmkritik: „Clouds of Sils Maria“ (Olivier Assayas, F 2014)

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