Filmkritik: Chef (Jon Favreau, USA 2014)

Aldamisa Entertainment

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Sternekoch sein ist eine Berufung. Immer unter Stress, immer konstante Leistung zeigen und immer die Gäste mit immer neuen Kreationen befriedigen. Zumal die Michelinkritiker gnadenlos sind, wer nicht liefert, verliert Sterne und Ansehen: ein angeschlagenes Ego, weniger Kunden durch den Reputationsverlust und damit weniger Geld in der Kasse. (Die Realität kann bitter sein: Dieses sonst schwebende Damoklesschwert sauste auf einen Küchenchef in Frankreich runter: Bernard Loiseau hat zwei Sterne verloren und schoß sich daraufhin mit einem Jagdgewehr eine Kugel in den Kopf.) Im Film Chef“ bleibt die Hauptfigur und Starkoch Carl Caspar auch nicht von messerscharfem Kritikerurteil verschont: Ein Food-Blogger hat sein Menü in Grund und Boden geschrieben, da er seit Jahren nichts Neues mehr aufgetischt hat. Caspar versucht sich zu wehren, indem er über Twitter verbal vulgär zurückschlägt. Es kommt zum Eklat in persona. Dummerweise wird die Auseinandersetzung in der Smartphone-Gesellschaft dokumentiert und ins Internet gestellt. Dort wird Spott und Häme über den Koch ausgegossen. Caspar steht ohne Job da und weiß nicht weiter. Aber es wäre kein amerikanischer Film, wenn es keine neue Gelegenheit gäbe, sich selbst aus dem Schlamassel zu kämpfen. Er fliegt nach Miami und fängt ganz von vorne an: Nachdem er einen alten Food-Truck aufgemöbelt hat, verkauft er kubanisches Essen auf einer Tour durch Amerika.

Ein Film für die Sinne

Trotz der gerade dargestellten Probleme ist „Chef“ ein toller Feel-Good-Film. Warum? Erstens ist alles nicht ganz so schlimm, wie es klingt. Und Caspar ist kein Griesgram, der leicht unter die Räder kommt. Zudem hat er ein Umfeld, das ihn unterstützt – von der verständnisvollen Ex-Frau bis hin zu den gewitzten Kollegen aus seinem Kochteam. Der gut aufgelegte Cast (unter anderem Scarlett Johansson, Robert Downey Jr. oder Sofia Vergara) versprüht eine Menge Charme und viele Gags zünden einfach. Der Film spricht besonders die Sinne beim Zuschauer an: Augen, Ohren und Gaumen werden besonders massiert. In manchen Szenen beschleicht einen das Gefühl, der Film ist ein aufgepeppter Foodporn. Regisseur Favreau hält mit der Kamera beim Kochen richtig drauf: die gezeigten Bilder und der dazugehörige Sound lassen einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Nie haben Zwiebel schöner gebrutzelt, sah ein Grilled Cheese Sandwich besser oder Roastbeef im Kino schöner aus! Ernst gemeinte Warnung: Nicht mit leerem Magen den Film schauen! Beim Soundtrack des Films haben sich die Macher selbst übertroffen, indem sie eine wunderbare Mischung aus Soul, Salsa und Funk zusammenmischten, was dem Streifen viel Schwung verleiht. Ich wippte beim Zuschauen regelmäßig mit. Besonders gelungen fand ich das Marvin Gaye Cover von dem Track „Sexual Healing“ – als Brass-Version!

Mächtige Waffe: Social Media

Interessant fand ich auch die Thematisierung der sozialen Medien, die eine tragende Rolle im Film spielen. Caspar wird Opfer, indem die Öffentlichkeit von seinen Fehltritten sofort informiert ist. Er verliert dadurch seinen Job. Andererseits beschert ihm seine öffentliche Person – auch eine Art Kaptial – später glänzende Marketingmöglichkeiten mit seinem Foodtruck. Fluch und Segen? Ich bin da ein bisschen zwiegespalten: Social Media kann sehr mächtig sein, mitunter zu mächtig. Auf der anderen Seite obliegt es jedem einzelnen, seine Meinung öffentlich kund zu tun beziehungsweise Daten preiszugeben.

Ein Wermutstropfen zum Schluss: Der Deutschlandstart von „Chef“ ist erst am 29. Mai 2015.

Fazit: „Chef“ ist ein unterhaltsamer Feelgood Film – witzig, schwungvoll und ein Genuß für Augen und Ohren. Einziges Manko: die Story läuft ein wenig zu glatt. 3,5 von 5 Sternen.

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3 Gedanken zu “Filmkritik: Chef (Jon Favreau, USA 2014)

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  2. Den hab‘ ich auch schon gesehen. Mit der Wertung und Beurteilung stimme ich überein. Weshalb der erst im kommenden Mai bei uns anläuft, ist mir schleierhaft. In den USA und Großbritannien schon längst auf Blu-ray und DVD erhältlich, der wird hier wohl kaum ein Riesenerfolg werden, auch wenn Foodtrucks auch in Deutschland im Kommen sind.

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    • Ja, da hab ich mich auch gewundert. Ich vermute, der deutsche Verleih hat gepennt, ihn 2014 rechtzeitig ins Kino zu bringen. Es ist ein reinrassiger Gute-Laune-Film für den Sommer. Vielleicht bietet sich dazu der Mai 2015 besser an?

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