Wo der Tod wohnt

 

Das Grab Mozarts befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof. Ironisch: Es ist das meistfotografierteste Grab, aber es liegen keine Gebeine des Musikers darunter.

Die letzte Ruhestätte Mozarts befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof. Ironisch: Es ist das meistfotografierteste Grab, aber es liegen keine Gebeine des Musikers darunter.

Sachertorte, Tafelspitz, Prater oder Opernball: Neben den süßen kulinarischen Schmeckenswürdigkeiten und der Lebensfreude Wiens, gibt es auch die dunkle und morbide Seite der Stadt. Der Tod spielt hier eine große Rolle. „Das fidele Grab an der Donau“, schrieb der Schriftsteller Alfred Polgar über die Hauptstadt Österreichs. Besonders der Wiener Zentralfriedhof ist dafür eine gute Anlaufstelle. Er ist die zweitgrößte Nekropole Europas (Platz Eins belegt der Hamburger Friedhof Ohlsdorf mit 391 ha). 330.000 Gräber verteilen sich auf 250 ha – jeden Tag gibts 20 Beerdigungen, ca. 3.700 im Jahr. Kein Wunder, dass die Straße zum Friedhof von Steinmetzen, Blumenhändler und einem Würstelstand direkt vor dem Friedhof gesäumt ist. Trauern macht hungrig.

Hotspot: ein leeres Grab

Wenn man den Zentralfriedhof vom Haupteingang betritt, kommt man alsbald zu einer Reihe von Ehrengräbern. Sie wurden angelegt, um die Attraktivität des Friedhofs zu erhöhen, der im 19. Jahrhundert noch weit vor der Stadt gelegen war. So haben all die besonderen Teufel Österreichs dort ihre letzte Ruhe gefunden: Strauss, Schubert, Bruckner, Qualtinger, Renner usw. Besonders ironisch ist das Grab von Mozart. Es ist das wohl meistfotografiertestePlatzerl auf dem Friedhof, jedoch ist ihro Genialität dort nicht beerdigt, sondern wurde in einem Massengrab vor den Toren der Stadt beerdigt. Wer weitergeht, kommt zur eindrucksvollen Kirche Zum heiligen Karl Borromäus, die zentral im „Ozean des Todes“ aufragt, eine Jugendstilkirche. Fand ich sehr ungewöhnlich, schließlich könnten die in dem Gotteshaus angebrachten Leuchter auch in einem alten eingesessenen Kaffeehaus strahlen.
Auf dem Wiener Zentralfriedhof ist alte jüdische Teil ziemlich vernachlässigt.

Auf dem Wiener Zentralfriedhof ist alte jüdische Teil ziemlich vernachlässigt.

Morbid: alter jüdischer Friedhof

Kommt man in den hinteren Teil des großen Areals, betritt man eine andere Welt. Dort ist der

Brennessel statt Blumen

Brennessel statt Blumen

alte jüdische Friedhof zu finden: Bäume, deren Äste weit in den Weg reinragen, zahlreiche umgefallene Grabsteine von Efeu zugewuchert. Brennesseln gedeihen statt Blumen. Die Namen auf den Grabsteinen sind oftmals kaum mehr zu lesen, die Gitter verrostet und das Gras wächst ungebändigt. Bei Gräbern sah man kaum kleine mitgebrachte Steine liegen, die auf jüdische Besucher deuten. Ich hab mich beim Rundgang gefragt, was da wohl für Geschichten dahinterstecken, warum diese Gräber so verwahrlost sind. Holocaust, ausgewanderte Verwandte, Faulheit oder es ist einfach zu ungemütlich, dort hinzupilgern? Antwort fand ich in dem Buch „Die Stadt“ von Gerhard Roth: Im zweiten Weltkrieg wurde Wien bombardiert. Allein 500 Bombentrichter gab es auf dem Friedhof: Särge, Knochen und Leichen lagen herum. Nur: Am jüdischen Friedhof hat sich niemand darum gekümmert, da es keine jüdische Kultusgemeinde mehr gab. Und die Nazis hatten kein Interesse dort aufzuräumen.

Osteuropäer trauern bunter

Aufgeräumt, gepflegt und geradezu bewohnt sehen die Gräber von so manchen Osteuropäern auf dem Wiener Zentralfriedhof aus. Dort sind in die Grabumfassung ganze Parkbänke mitintegriert. Das Trauern soll ja angenehm sein, zumal wenn man mit dem verstorbenen Liebsten über Jahre Zwiesprache stundenlang halten will. Zupass kommt dann natürlich auch, dass direkt am Grabstein hin und wieder Erfrischungsgetränke (Redbull, Cola) stehen. Schließlich redet sich manch einer den Mund fusslig.

In Osteuropa wird intensiver getrauert. Die Verwandeten lassen häufiger Parkbänke in die Grabumfassungen ein.

100 Synomyme fürs Sterben

Der Tod und Wien haben eine besondere Beziehung. Das wissen auch die Wiener selbst und haben genau dafür ein niegelnagelneues Museum gebaut, das ich demnächst auch noch besuchen möchte. Eine Erklärung für diese Liason liefert Josef Hader: „Der Wiener neigt dazu, auch die unangenehmen Gefühle konsumierbar zu machen, das zu genießen.“ So hat der Wiener auch über 100 Synomye für das Wort sterben, wie zum Beispiel „ohbangeln“, „vom Qui Qui geholt werden“, die Botschen (Schuhe) strecken“ usw. Aber auch die österreichische Pop-Musik konnte sich diesem Thema nicht verschließen. Wolfgang Ambros sang über den Zentralfriedhof:

A Wurscht fürs Lebensheil

Direkt beim Eingang des Wiener Zentralfriedhofs steht ein Würstelstand. Nach dem metaphysischen Trauern brauchts natürlich was Handfestes. Was gibts da besseres als eine Käsekrainer, die Kraft gibt und das Leben verlängert? Der Wiener lässt sich anscheinend die Lebensfreude durch den Tod nicht vermiesen.

Direkt am Eingang des Wiener Zentralfriedhofs steht ein Würstelstand. Trauern macht hungrig.

Direkt am Eingang des Wiener Zentralfriedhofs steht ein Würstelstand. Trauern macht hungrig.

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