Filmkritik: „Gone Girl“ von David Fincher

„Gone Girl“ ist das neueste Werk von David Fincher. Wer Thriller mag, wird den Film ansehen müssen.

Der Film "Gone Girl" erzählt die Geschichte einer amerikanischen Durchschnittsehe. (©20th Century Fox)

Der Film „Gone Girl“ erzählt die Geschichte einer amerikanischen Durchschnittsehe. (©20th Century Fox)

Liebesfilme hören ja immer genau dann auf, wenn das Happy End vollkommen ist: ein Kuss, Hochzeit, Ende. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann knutschen sie noch heute. Der Zuschauer muss sich selbst ausmalen, was nach dem siebten Himmel kommt. Amy und Nick  Dunne sind im fünften Jahr ihrer Ehe längst wieder auf der Erde angekommen. Aufgrund der Wirtschaftskrise verloren beide ihre Jobs im glamourösen New York und sitzen nun bodenständigen Missouri. Nick  betreibt mit seiner Schwester eine Bar und Amy, eine ehemals sehr erfolgreiche Jugendbuchautorin, langweilt sich im Haushalt. Eines Tages wird Amy entführt. Nick meldet den Vorfall, rückt im Laufe der Ermittlungen immer weiter in den Fokus der Polizei. Denn: Zahlreiche Ungereimheiten aus dieser amerikanischen Durchschnittsehe werden zu Tage gefördert. Hat Nick seine Frau getötet?

Ein Uhrwerk von einem Film

David Fincher gilt als Meisterregisseur, hat er doch so tolle Filme, wie The Social Network oder Zodiac gedreht – ein Thrillerspezialist. Für seinen neuesten Streich hat er sich die gelungene Buchvorlage von Gillian Flynn (meine Buchkritik zu Gone Girl – einige Motive der Geschichte sind dort bereits ausgeführt) ausgesucht. Gekonnt inszeniert Fincher die brüchige Ehe von Nick und Amy mit ihren vielen Geheimnissen und Leichen im Keller. Die Geschichte hält sich sehr nah am Buch und wurde für den Film selbst von Flynn entsprechend gut verdichtet. Die daraus entstandenen 149 Minuten Spielzeit laufen wie ein Uhrwerk runter, nichts stört den Fluss der Geschichte – der Blick auf einen Zeitmesser entfällt. Besonders hervorzuheben ist auch die Auswahl der Hauptdarsteller: Es gibt kaum einen besseren Schauspieler als Ben Affleck für die Rolle des Nick Dunne: Er hat den Charme, der Schwiegermütter zum Schmelzen bringt, ein naives Lächeln, aber auch dieses Unbedarfte „Erst Tun und dann Denken“, was ihm im Laufe der Geschichte teilweise zum Verhängnis wird. Sein Widerpart Rosamund Pike als Amy kann die volle Bandbreite ihres Könnens ausspielen, mehr sei hier nicht verraten. Eine Leistung, die sie auf den Zettel der Academy of  Motion Pictures für einen Oscar bringen wird. Ebenfalls eine Nominierung für den wichtigsten Filmpreis der Welt dürfte der Score einheimsen. Wie schon in den letzten beiden Filmen von Fincher, waren Trent Razor und Atticus dafür zuständig. Die düsteren und beizeiten recht kalt wirkenden Klängen fügen sich wunderbar in das Gesamtbild des Streifens ein (wer einmal reinhören will, bitteschön). Also nichts, was man an einem sonnigen Samstag auflegt.

Gone Girl ist im Grunde auch ein Liebesfilm, aber unter anderen Vorzeichen. Welche Erwartungen hat man an den Partner, wie stark ist die Nächsten-, aber auch die Eigenliebe. Und was würde man alles dafür tun, um die Aufmerksamkeit des Anderen zu bekommen. Fragen, die das wunderbar unkonventionelle Ende der Geschichte dem ein oder anderen Zuschauer mit auf den Weg gibt.

Fazit: Es ist nicht Finchers bester Film, aber das ist Meckern auf sehr hohem Niveau. Bislang der beste Thriller in diesem Jahr. 4 von 5.

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10 Gedanken zu “Filmkritik: „Gone Girl“ von David Fincher

    • Ich mag schon auch Enden, die nicht dem „Ende gut, alles gut“-Schema entsprechen, aber hier fand ich es einfach nicht nachvollziehbar, warum das so sein musste (weiß nicht, ob du hier Spoiler für deine Leser haben willst, ist ein bisschen schwierig darüber zu reden, ohne das tatsächliche Ende zu nennen…).

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    • [Spoiler] Nunja, ich denke Nick und Amy haben einander verdient – sprich, sie sind in der Geschichte beide keine Unschuldsengel. Und ich finde es interessant, dass in dieser Konstellation keiner ohne den anderen kann. Dann wäre die nächste Frage: Wie kann man sowas darstellen? Schließlich ist das heutzutage ja schwer mehr möglich (Gott sei dank!). Im Gegensatz zu früher bleiben Paare heutzutage kaum mehr wegen des Geldes zusammen. Und das Einzige, was besonders heutzutage binden kann, sind Informationen über den Anderen, die ihn diskreditieren. Das wurde im Film konsequent umgesetzt. Ich dachte dabei auch immer an das Stück „Wer hat Angst vor Virginia Wolf“. Da kann auch keiner ohne den Anderen. Gone Girl adaptiert die dort gezeigte Hass/Liebe an das 21. Jhd. Was meinst du?

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    • [Spoiler]Hm. Nun ja, ich habe wohl prinzipiell etwas dagegen, wenn Paare „wegen der Kinder“ zusammenbleiben (, obwohl sie sich nicht mehr lieben oder gar hassen). Und so habe ich das Ende verstanden: Amy erpresst Nick damit, dass sie gegenüber dem Kind schlecht über ihn reden wird. Da denke ich mir nur: so what? Das machen Tausende getrennte Mütter (oder Väter) – soll das wirklich schlimmer sein, als wenn die beiden zusammenbleiben? Ich sehe in der Zukunft mindestens einen der beiden sowieso ausrasten… Das kann doch nicht gut gehen fürs Kind!

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