Die andere Ostalgie

Grand Budapest Hotel ist Wes Andersons filmische Hommage an die längst verlorene Welt vor 1914. Viel Liebe zum Detail und eine bemerkenswerte Gag-Dichte in Wort und Bild zeichnen den Film aus.

Die Geschichte des Films "Grand Hotel Budapest" spielt in den 1930ern in der fiktiven Republik Zubrowka. (©Fox Searchlight Pictures)

Die Geschichte des Films „Grand Hotel Budapest“ spielt in den 1930ern in der fiktiven Republik Zubrowka. (©Fox Searchlight Pictures)

„Zwischen unserem Heute, unserem Gestern und Vorgestern sind alle Brücken abgebrochen“, schrieb Stefan Zweig in seinem Buch „Die Welt von Gestern“ 1942. Vielleicht war es genau dieser Satz, den Regisseur Wes Anderson zu seinem aktuellen Film „Grand Budapest Hotel“ inspirierte. „Ich wollte, dass mein Film, obwohl er ja 1932 spielt, sich trotzdem so anfühlt wie diese Zeit vor dem Krieg“, sagte er dem ZEIT-Magazin. Er wählte dafür das Setting der Hotels, jener prunkvollen und großzügigen Häuser, in denen der Service besonders großgeschrieben, ein Name wie „von Donnersmark“ noch was galt und so mancher Spleen eines Gastes einfach hingenommen wurde. Erzählt wird die Geschichte von Concierge Gustave H. im Grand Budapest Hotel in der Republik Zubrowka, der einen neuen Lobby Boy namens Zero ausbildet. Die Pflichtenheft ist dafür genau umschrieben: „A Lobby Boy is completely invisible, yet always in sight. A Lobby boy anticipates the client’s needs, before the needs are needed. A Lobby boy, is above all, discreet to a fault.“ Aber auf die Diskretion legt auch Gustave H. selbst sehr viel wert. Schließlich kommen zahlreiche ältere Damen nur seinetwegen in das Haus, weil sie seinen Rundum-Service (!) schätzen. Eine dieser reichen Damen verstirbt und hinterlässt dem Concierge ein wertvolles Gemälde. Die habgierige Verwandtschaft bezichtigt ihn jedoch des Mordes an der alten Frau. Und eine rasante Hatz beginnt.

Gustave H. ist ein Mann der älteren Frauen: "When you are young, it's all filet steak, but as the years go by, you have to move to the cheaper cuts, which is fine with me, because I like those. More flavourful or so they say." (©Fox Seachlight Pictures)

Gustave H. ist ein Mann der älteren Frauen: „When you are young, it’s all filet steak, but as the years go by, you have to move to the cheaper cuts, which is fine with me, because I like those. More flavourful or so they say.“ (©Fox Seachlight Pictures)

Atemlos durch den Film

Grand Budapest Hotel ist eine Komödie, die nicht auf große Schenkelklopfer setzt, sondern auf viele subtile und absurde Witze, die schmeichelnd den Weg ins Gehör und zur Iris finden: Die Freundin des Lobbyboys Zero hat beispielsweise im Gesicht eine Narbe in der Form von Mexiko oder obwohl Gefahr droht, muss Gustave H. noch eine Diskussion über sein Lieblingsparfum „L’air de panache“ vom Zaun brechen. Wichtig scheint auch Anderson das Tempo des Films gewesen zu sein: Die Akteure sind fast immer in die Bewegung. Kein Stillstand und keine Langeweile. Unterstützt wird dieser Ansatz von der gelungenen jazzigen Musik, die Alexandre Desplat komponiert hat (Reinhören gefällig?) Zudem passen Russische Balalaika-Klänge und Budapester Orchester Stücke zum Feeling des Films und verleihen ihm diesen osteuropäischen Touch. Schließlich spielt die Handlung in der fiktiven Republik Zubrowka, benannt nach einem in realiter existierenden polnischen Büffelgras-Wodka. Überhaupt hatte Anderson ein großes Vergnügen gehabt, mit deutschen Namen zu spielen und sie neu zu kombinieren. Gerade für deutschsprachige Zuschauer ist es ein wahres Vergnügen, wenn von den Orten „Nebelsbad“ und „Sudetenwaltz“, dem Adelsgeschlecht „De Goff von Taxis“ oder der Tankstelle „Fuellitz“ die Rede ist. Natürlich ist jeder Witz umsonst, wenn er nicht pointiert gebracht wird. Die Schauspielerleistungen sind durch die Bank weg große Klasse. Hervorzuheben ist Ralph Fiennes: Er spielt den allseits korrekten und charmanten Concierge Gustave H. oscarwürdig. Überhaupt hat Anderson ein Starensemble versammelt, das in der Hollywood seines Gleichen sucht – Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Harvey Keitel, Jeff Goldblum, William Dafoe usw., um nur einige zu nennen. Obwohl die Stars für diesen Film kaum Geld erhalten haben – es ist ja ein Independent-Film – ist die Frage, welche großartigen Überredungskünste Anderson wohl eingesetzt hat. Man munkelt, dass für die Stars die gute Stimmung bei den Dreharbeiten, die bei allen Anderson Filmen vorherrscht, entscheidend war. Übrigens diente als Kulisse für den Film das malerische Görlitz. Warum sich die Produzenten ausgerechnet für diese Stadt  entschieden haben, erklärt das youtube-Video.

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Edward Norton spielt den Polizisten Henckels-Bergersdörfer. Er muss den Mörder Gustave H. schnappen. (© Fox Searchlight Pictures)

 Der Bildästhet

Das Irre an Wes Anderson Filmen: Ein Blick genügt und es ist klar, wer für den Streifen verantwortlich war. Kaum ein Regisseur hat so eine konsequente Bildsprache in seinen Werken – in Grand Budapest Hotel ist das nicht anders. Jedes einzelne Bild ist durchkomponiert und vermittelt Andersons Liebe zur Symmetrie von Dingen sehr gut. Manchmal erzählen reine Bilderfolgen die Geschichte weiter – Wörter stören da nur, was ungemein. Ferner schaffen die verwendeten Farben  in Kombinationen mit der ausgefuchsten Bildsymetrie einen ganz eigenen Kosmos. Ich mag es hernach sagen zu können: So hab ich das noch nie gesehen. Die Detailliebe wird bei Anderson immer sehr groß geschrieben. Zum Beispiel: Das wertvolle Gemälde im Film – „Jüngling mit Apfel“ – fertigte eigens der englische Maler Michael Taylor an. Dafür wurde ein Kind gecastet, ein Gewand geschneidert und schließlich suchte sich der Maler eine Kirche aus, in dem das Kind Modell stand und das Werk vollbracht werden konnte. Und das ist nur ein Detail in einem Film, der vor Details nur so überbordet und so viele Witze des Films beiläufig erscheinen lässt. Allein deswegen lohnt es sich, den Film mehrmals anzuschauen. Stefan Zweig schrieb in seinem Buch: „Alles, was man aus seinem eigenen Leben vergißt, war eigentlich von einem inneren Instinkt längst schon verurteilt gewesen, vergessen zu werden. Nur was ich selber bewahren will, hat ein Anrecht, für andere bewahrt zu werden.“ Wes Anderson ruft zumindest diese Ära wieder ins Bewusstsein. Der Zuschauer wird diesen Ausflug in die Vergangenheit wohl kaum vergessen.

Fazit: Einer der besten Filme 2014. 5/5 Sterne

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3 Gedanken zu “Die andere Ostalgie

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