Buchkritik: „Gone Girl“ von Gillian Flynn

Wer bist du und wenn ja wieviele? Diese Frage wird dem Partner häufiger still und heimlich gestellt, als ihm das lieb sein dürfte. Das Wundern über seine andere (bessere/schlechtere/andere) Hälfte nimmt nach den ersten Monaten des rosaroten Verliebtseins drastisch zu. Was anfangs der Sturm der Gefühle überdeckte, bricht sich Bahn: Das Geschirr findet seinen Weg nicht in die Spülmaschine oder der Hausputz kommt zu kurz – der graue Alltag zieht in die Beziehung ein. Diese Hürde haben das Ehepaar Nick und Amy im Buch „Gone Girl“ bereits hinter sich. Sie sind seit fünf Jahren verheiratet. Die Beiden haben bereits Stufe zwei erklommen: Sie kennen sich in- und auswendig, kennen natürlich die Gewohnheiten, Stärken und Schwächen, kennen aber auch die Lügen und Illusionen des Anderen. Ist das interessant?

Paaranalyse

Ja! Die Ausgangssituation des Buches ist relativ simpel: Nick kommt von der Arbeit aus seiner Bar nach Hause und seine Frau Amy ist verschwunden – in der Wohnung gab es einen Kampf. Es wird gemutmaßt, dass sie entführt wurde. Da es keine Lösegeldforderungen gibt, die Ehe gekriselt hat und Nicks Alibi nicht wasserfest ist, wird er verstärkt von der Polizei und auch den Medien ins Visier genommen. So weit, so gut. Die Autorin des Buches,

Szenen einer Ehe in Thrillerform. Wohl bekomms! (Foto: S. Fischer Verlag)

Szenen einer Ehe in Thrillerform. Wohl bekomms! (Foto: S. Fischer Verlag)

Gillian Flynn, hat die Geschichte geschickt angelegt: Abwechselnd erzählen Nick und Amy in Tagebuchaufzeichnungen ihre Sicht der Dinge. Während der Ehemann das aktuelle Geschehen beschreibt, handeln die Eintragungen seiner „besseren Hälfte“ von den Erinnerungen, wie sich das Paar kennengelernt hat, wie sie zusammen von New York aufgrund der Wirtschaftskrise nach Missouri aufs Land gezogen sind usw. Der Leser bekommt ein Kaleidoskop an Eindrücken über die Beiden, positiv wie negativ.  Die ausführliche Beschreibung der Beziehung beschert dem Buch zwei starke Charaktere, die statt einem Holzschnitt eine Aquarellzeichnung mit verschiedensten Farbnuancen verpasst bekommen haben. Ich mochte es, in die Seelenabgründe und -gipfel von Nick und Amy hinab bzw. hinaufzuschauen. Die Unfähigkeit zu kommunizieren, gerade nach so vielen Jahren der Ehe und Spielchen, führt zum Wunsch den Partner zu „zerstören“ und führt zwangsläufig auch zur Selbstzerstörung.  Als Inspiration diente der Autorin das berühmte Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Wolf“ von Edward Albee. Dieses dunkle Element aus dem Stück hat Flynn in ihr Buch hinübergerettet. Aber: Wer glaubt, das Buch reduziert sich auf  „Szenen einer Ehe“, greift zu kurz. Die zahlreichen Cliffhanger der Geschichte sind gut angelegt und halten das Tempo hoch. Die Seiten fliegen nur so dahin. Ob man der Krimifachzeitschrift Brigitte glauben soll, „Sie werden ihren Partner nach der Lektüre mit anderen Augen sehen“, wage ich zu bezweifeln. Aber alles in allem ist ein großer Spaß.

Medienschelte

„Gone Girl“ ist ein sehr amerikanisches Buch. Viele der aktuellen Probleme werden angeschnitten und spielen in die Geschichte mit rein: Der zusammengebrochene Immobilienmarkt, der Wandel der Printmedien und die Rolle der News-Stationen bei dem Entführungsfall. Gerade die beiden letztgenannten Themen kennt die Autorin aus eigener Erfahrung, denn vor ihrer Schriftstellerkarriere arbeitete sie als Journalisten bei der Zeitschrift Entertainment Weekly. Die Erbarmungslosigkeit der Medien wird im Buch stark thematisiert – immer auf der Jagd nach einer großen Story, bei der natürlich über die Leichen gegangen wird. Manche amerikanischen Fernsehshows verurteilen Menschen bei aktuell laufenden Ermittlungsverfahren auch ohne Fakten sehr schnell – prominentes Beispiel hierfür ist die TV-Show von Nancy Grace. Pannen und falsche Behauptungen sind dabei nur die Kollateralschäden, die die vermeintlichen Täter ausbaden müssen. Bei „Gone Girl“ trifft es Nick, obwohl es keine Leiche von Amy und noch weitere Anhaltspunkte gibt.

Bald im Kino

Das Buch war großer Bestseller, 2,7 Millionen verkaufte Exemplare sprechen Bände. Hollywood lässt sich solch eine Vorlage nicht entgehen. Regisseur David Fincher, bekannt von „The Social Network“ oder „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ hat sich dem Stoff angenommen (Trailer). Ab dem 2. Oktober sucht Schauspieler Ben Affleck als Nick nach seiner Frau Amy (Rosamund Pike). Bin schon sehr auf die Umsetzung gespannt.

 

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Ein Gedanke zu “Buchkritik: „Gone Girl“ von Gillian Flynn

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