Ein Mann, ein Feuerwerk

Alexej von Jawlensky: Alexander Sacharoff, 1909 (Bildquelle: Lenbachhaus)

Alexej von Jawlensky: Alexander Sacharoff, 1909 (Bildquelle: Lenbachhaus)

 

Manchmal kommt man wie die Frau zum Kinde: Ich sprach mit einer Freundin über das Lenbachhaus, das eine renommierte Kunstsammlung im Herzen von München beherbergt. Uns beiden gefiel am besten das Bild von Alexej von Jawlensky, der den berühmten Balletttänzer Alexander Sacharoff malte (siehe oben). Mich faszinierte das Bild, weil es zwei Persönlichkeiten in einer Figur verschmilzt – ein Mann, der eine starke weibliche Seite trägt, die lodert und leuchtet. Die Freundin drückte mir einige Tage später ein Buch in die Hand: Colum McCanns „Der Tänzer“ und sagte: „Lies!“

Ab in den Westen

Und ich las. Das Buch beschreibt die Lebensgeschichte von Rudolf Nurejew – auch einem sehr berühmten Balletttänzer. Manche sagen sogar: „Der größten Tänzer des 20. Jahrhunderts.“ Allerdings wird nicht einfach eine Biographie runtererzählt, sondern das Werk von McCann entpuppt sich als Roman – die meisten Charaktere und Begebenheiten sind erfunden, wie der Autor in seinem Nachwort schreibt. Der Roman hangelt sich an den wichtigsten Stationen von Nurejews Leben entlang: In seiner Geburtsstadt Ufa lernt er eine Ballettlehrerin kennen, die den 1938 geborenen Knaben unter ihre Fittiche nimmt. Bald schon kommt er nach Leningrad, wo er sich trotz seines fortgeschrittenen Alters – er war zu diesem Zeitpunkt bereits 17 Jahre alt – an der Ballettschule etablieren kann und zum Star aufsteigt. Nach verschiedenen Tourneen durch Europa setzt er sich 1961 in Paris ab und läuft in den Westen über. Grund: Er glaubte, seine Homosexualität in Europa leichter ausleben zu können. Danach tanzt, vögelt, kauft sich durch die halbe Welt, bis er 1993 an Aids stirbt.

Hype ist da, wo ich bin

Alle Welt war süchtig nach Nurejew, gilt er doch als eine der meist fotografierten Personen des 20. Jahrhunderts.  Und alle suchten seine Nähe, Frauen wie Männer, unter anderem Jacqueline Kennedy, Onassis, Mick Jagger oder Andy Warhol. Warum? Die Zeitgenossen waren von seinem athletischen Körper, seinen Gesichtszügen, aber auch von seinen ungehobelten Manieren und seiner schieren Präsens eingenommen. Er war ein „Eventcharakter“, ein Feuerwerk: Wo Nurejew war, war was los. Überraschungen waren garantiert. Nurejew muss förmlich gebrannt haben, eine Energie versprüht haben, wie sie selten im Menschenreich anzutreffen ist –  sei es beim Tanzen, beim Sex oder im Leben. Hauptsache bis zum Exzess – McCann beschreibt das alles in seinem Buch sehr eindrücklich.  Nur ließen Nurejew die Huldigungen seiner Umgebung oft kalt, was ihn nur umso geheimnisvoller und mysteriöser und dadurch noch anziehender wirken ließ. Wie in dem Video unten zu sehen ist, lässt er die Fragen der Reporter über sich ergehen – ein staunender freundlich dreinschauender Junge, der sich in einer fremden Sprache – der Banalität – verständigen soll. Schweigen ist Gold.

Was kostet die Welt?

Der irische Schriftsteller Colum McCann schrieb einen faszinierenden Roman über den Balletttänzer Rudolf Nurejew. (Bildquelle: Rowohlt)

Der irische Schriftsteller Colum McCann schrieb einen faszinierenden Roman über den Balletttänzer Rudolf Nurejew. (Bildquelle: Rowohlt)

Um Nurejews illustres Leben wie einen Diamanten von vielen Seiten zu beleuchten, setzt Autor McCann auf einen Kniff: Verschiedenste Personen, die ihm nahe standen, erzählen aus der Ich-Perspektiven über einen bestimmten Lebensabschnitt des Balletttänzers – nur ein Abschnitt handelt von Nurejews Seelenleben selbst. Anfangs fand ich es ein wenig schwer in das Buch hineinzukommen, denn der Wechsel der Innenansichten geschieht recht abrupt.  Aber nach und nach hatte mich diese Vorgehensweise vollkommen gefangen: Der Leser bekommt ein großes Kaleidoskop der verschiedenen Welten geschenkt, in denen Nurejew gelebt hat: Leben in Leningrad, Swinging Sixties in Europa oder die New Yorker Schwulenszene der 70er Jahre. Interessanterweise sind die verschiedenen Perspektiven meistens aus Sicht von Frauen geschildert. Nurejew war ein besonderer Frauenliebling, klar – somit ist ein höherer Groupie-Faktor gesichert. Oder McCann versprach sich über die Frauen eine reichere Gedankenwelt, die den Alltag besser einfängt. Jedenfalls hat es diesem grandiosen Buch nicht geschadet, das lodert und leuchtet wie das Bild von Alexej Sacharoff. 4 von 5 Sternen.

Wenn alles gesagt und getan ist, werde ich nichts von dem, was ich gesagt und getan habe, gegen irgendetwas anderes eintauschen wollen. Wenn man zurücksieht, fällt man nur die Treppe hinunter.“ (Nurejew in Colum McCanns „Der Tänzer“)

 

 

 

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3 Gedanken zu “Ein Mann, ein Feuerwerk

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